Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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nötigt ihn nach Neapel. Als er genesen, kehrt er nach Rom zurück, wo der Papst ihm auf dem Capitol die Dichterkrone aufs Haupt setzen will. Vor den Thoren schon wird er mit hohen Ehren empfangen. Jede äussere Sorge ist jetzt von ihm genommen, da ihm der Papst ein lebenslängliches Ruhegehalt aussetzt und in Neapel endlich ihm das lange von den Verwandten zurückgehaltene Vermögen seiner Mutter zugefallen ist; der Krönungstag soll festgesetzt werden, da stirbt am 25. April 1595 im Alter von 51 Jahren der Dichter in dem Kloster Sant' Onofrio auf dem Janiculus, wo ihn schweres Leiden wieder aufs Krankenlager geworfen, ehe er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht.

Das Lebensbild, welches sich vor dem Leser entfaltet hat, sagt unser Landsmann Professor Otto Speyer, dessen ausführlicher Abhandlung in Gottschalls Neuem Plutarch von 1884 die gegebene Lebensübersicht des Dichters entnommen ist,kann nur den Eindruck des tiefsten Mitgefühls mit dem Manne hinterlassen, der so hoch- und reichbegabt, mit so edlem Streben, mit solcher Sehnsucht nach dem Glück, durch die Ungunst der Umstände und der Zeit, mehr noch durch die Schwäche des Gefässes, in welches dieser Feuergeist eingeschlossen war, am meisten durch das mangelnde Gleichgewicht intellektueller und moralischer Eigenschaften, nach einer glänzenden, vielverheissenden Jugend immer tiefer in das Meer des Unglücks eintauchend, endlich vor der Zeit geistig und körper- lich gebrochen in den Tod sank.

Wir empfinden Mitleid mit Tasso, tiefes, herzliches Mitleid. Aber ist es jenes tragische Mitleid, das mit der Furcht sich paart, wir könnten unter ähnlichen Verhältnissen ebenso handeln und würden ebenso zu grunde gehen? IsSt es das Mitleid, das die Aufgabe und die Wirkung hat sich selbst und die Furcht, die es in uns erregt, zu reinigen und zu läutern? Durfte ein Dichter, der den Tasso zum Gegenstande einer Tragödie machte, Tasso und seine Umgebung so nehmen und uns vor die Seele stellen, wie die Geschichte sie ihm zeigte? Hat Göthe uns ganz den historischen Tasso gegeben? Oder hat er ihn so umgeschaffen, in seinem Wesen und seinem Geschick, wie es für eine Tragödie nötig war? Die Tragödie darf ebensowenig einen vollkommenen Bösewicht wie einen vollkommenen Tugendhelden uns vor die Augen stellen. Sie durf auch keinen bloss Unglück- lichen, keinen Kranken uns vorführen, aus dessen krankhaftem Zustand sich das genügend erklärt und entschuldigt, ja rechtfertigt, was sonst als sittlicher Fehl, als Schuld ersecheinen würde.Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang Und wälzt die grössre Hälfte seiner Schuld Den unglück- seligen Gestirnen zu. Das kann sie nur, wenn Schuld da ist, und diese ist nur vorhanden, wo die handelnde Person verantwortlich gemacht werden kann für das, was sie that. Tasso der Gemüts- kranke, der Irrsinnige, konnte nicht der Held eines Trauerspiels sein. Sehen wir darum zunächst, wie sich bei Göthe die Handlung entwickelt und wie sich danach Tassos Verantwortlichkeit und Schuld gestaltet.

Tasso hat sein Werk, das, in einzelnen Teilen zur Kenntnis seiner hochgebildeten, edel- gesinnten Gönner gebracht, die grössten Erwartungen erregt hat, endlich vollendet; obwohl zögernd, da er sich selbst immer noch nicht genug gethan, immer noch bessern möchte, entschliesst er sich dasselbe dem Fürsten zu überreichen, der, um seinem Dank gebührenden Ausdruck zu geben, seine Schwester auffordert den Dichter zu krönen, ihm den Lorbeerkranz aufs Haupt zu setzen, den sie eben gewunden und der Büste Virgils auf die Stirn gedrückt hatte. Tasso, der anfangs sich weigert