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Cornelia. Aber es treibt ihn wieder fort nach Ferrara, trotzdem man von dort seinen flehentlichen Bitten nur abweisende Worte entgegenstellt. Mehrfach von Krankheit niedergeworfen, führt er doch seinen Plan aus, ohne die Ruhe in Ferrara zu finden, die er ersehnt und erhofft, so dass er von neuem entflieht. Unstät irrt er durch alle die Orte, an denen er früher gelebt, wo er Freunde zu besitzen meint; nirgends fühlt er oder glaubt er sich gerngesehen; erst in Turin findet er bei dem Marquis Philipp von Este eine ihm zusagende Zufluchtsstätte. Aber als er von der Vermühlung des Herzogs Alfons mit Margherita Gonzaga hört, kehrt er wieder nach Ferrara zurück; kalt empfangen am Hof, wo die fürstliche Familie ihn nicht vorlässt, verhöhnt von den Bürgern, bricht er in Schmähungen aus gegen seine früheren Wohlthäter. Man ist überzeugt es jetzt mit einem. ganz Irrsinnigen zu thun zu haben, und der Herzog lässt ihn in das Hospital von Sant' Anna einsperren, in welchem er sieben Jahre lang schmachtet. Wir können nicht mehr feststellen, wie weit des Herzogs wirkliche Uberzeugung von des Dichters Irrsinn, wie weit seine Furcht vor neuen Schmähungen, wie weit die Rücksicht auf sicherlich unbegründete, aber vorhandene Gerüchte von einem unerlaubten Verhältnis des Dichters zur Prinzessin, wie weit die Absicht ihn nicht an den Hof der Mediceer kommen zu lassen das Verhalten des Herzogs bestimmt haben; sicher ist, dass es eine furchtbare Zeit war, welche Tasso in jenem Irrenhause verbracht, furchtbar durch die Be- handlung, die ihm zuteil wurde, wie durch die quälenden Gedanken, die sein Innerstes durchwühlten. Auch jetzt entströmen zuweilen herrliche Gedichte seiner Feder, auch jetzt finden seine philosophischen Uberlegungen feste Gestalt in Dialogen, deren nicht weniger als sechzehn seinem Aufenthalt in Sant' Anna angehören, auch jetzt bemüht er sich von neuem um die Gunst des Herzogs in Briefen, die meist von klarstem Verstande zeugen, aber daneben trägt auch all sein Thun wieder den Stempel des Irrsinns. Wohl suchten auch Freunde für seine Freilassung zu wirken, teils unmittelbar beim Herzog selbst, teils mittelbar, indem sie die Teilnahme ganz Italiens für den Unglücklichen wach- riefen, der seinem Volke in seinen Werken so Grosses geschenkt; aber erst am 13. Juli 1586 erlangte Tasso durch Herzog Wilhelm Gonzaga von Mantua die Freiheit wieder, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sein Befreier an seinem Hofe ihn unter strenger Aufsicht halte.
Anfangs regte sich in Tasso neues, frohes Leben; bald aber ergriff ihn wieder die alte Schwermut, das alte Misstrauen. Die Erlaubnis seine Verwandten in Bergamo aufzusuchen, die ihn auf das liebevollste aufnehmen, ist auch nur kurze Zeit für ihn eine Wohlthat, und als sein Gönner in Mantua gestorben, da entflieht er von dort, wohin er zurückgekehrt war, über Bologna und Loretto nach Rom, überzeugt hier, an heiliger Stätte, wieder zu Gesundheit und Frieden zu gelangen. Aber der Papst, Sixtus V, lässt ihn nicht vor; das Leben in der heiligen Stadt widert ihn an. Auch die Mediceer wollen jetzt nichts von ihm wissen. Quälende Zweifel machen ihn irre an dem Werte der Schöpfungen seiner früheren Jahre. Sein„Befreites Jerusalem“ arbeitet er um zu einem„Eroberten Jerusalem“, das seine neue, religiöse Richtung zum Ausdruck bringt; er will damit die frühere Arbeit verdrängen, die er jetzt als weltlich und unheilig verdammt. Er hat sich nach Neapel begeben. Er kehrt nach Rom zurück. Er folgt einer Einladung des Grossherzogs Ferdinand de Medici von Toskana; wieder kehrt er nach Rom zurück, dann nach Mantua, aufs neue nach Rom und noch einmal nach Neapel. Jetzt besteigt ein langjähriger Freund, Kardinal Aldobrandini, als Clemens VIII den päpstlichen Stuhl; er eilt nach Rom, aber schwere Krankheit


