Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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einem feurigen Sonett, das vielleicht die Veraulassung für Leonore wurde ihm nach seiner Rück- kehr an den Hof kälter gegenüberzutreten. Eine Tragödie,Galealto, König von Norwegen, später, nach vollständig neuer Bearbeitung,Torrismondo von ihm benannt, sollte ihm die Gunst des Hofes wiedergewinnen, dem der Ruhm des Dichters erwünschten Glanz verlieh, aber das Werk geriet nicht so, wie er gehofft, und der Erfolg blieb diesmal aus. Zugleich ergriff ihn in demselben Jahre 1574, in welchem der erste Entwurf der genannten Tragödie entstand, in Venedig, wohin er mit Alfons von Este zum Empfang Heinrichs III von Frankreich gereist war, eine körperliche Krank- heit, die seine Gesundheit in achtmonatlichem Wechselfieber tief zerrüttete und wohl den Grund zu seinem weiteren schweren, auch den Geist in Fesseln schlagenden Leiden legte. Fieber, Schmerzen und Dumpfheit des Kopfes sind es, über die der Dichter klagt, und wachsende Unzufriedenheit, Misstrauen und Verfolgungswahn sind die Vorboten schlimmeren geistigen Befindens. Schwer erkennt die Umgebung in solchen Fällen, dass körperliche Ursachen zu grunde liegen, sie rechnet dem Kranken als sittlichen Fehler zu, wofür man ihn, eben weil er krank ist, nicht verantwortlich machen dürfte, und er selbst wird an sich irre. So war es kein Wunder, dass des Dichters Neider, besonders die Minister Pigna und Antonio von Montecatino, den Herzog und dessen Schwester immer mehr gegen Tasso einzunehmen wussten, dem mit der körperlichen Gesundheit auch die geistige Kraft zerrann, die ihn in immer neuem dichterischen Schaffen leicht über Neid und Missgunst inner- lich hinweggehoben und ihm durch äusserliche Erfolge auch neues Ansehen bei seinen Gönnern verschafft haben würde.

Die Aufgabe seines Lebens, seinBefreites Jerusalem, war fertig; es sollte nur noch einmal einer gewissenhaften Durchsicht unterzogen und dann der ôffentlichkeit übergeben werden. Aber jetzt begannen seine Zweifel. Der Beifall des Herzogs beruhigte ihn nicht; strengere Kunst-

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richter in Rom sollten prüfen, was er geschaffen. Ihre Ausstellungen kränkten ihn. Einer droht mit der Inquisition; Tasso will nachgeben, aber seine Dichternatur empört sich gegen den Zwang; alles dies muss nur schlimmer auf seine innere Zerrüttung wirken. Man druckt wiederholt sein Werk ohne sein Wissen und seine Genehmigung. Neider und Feinde greifen ihn auf das rücksichts- loseste an. Dem Herzog sind Verhandlungen zu Ohren gekommen, welche die Mediceer mit Tasso geführt, um ihn nach Florenz zu ziehen; die Prinzessin, welche ihm aufs neue freundliche Zuneigung bewiesen, fühlt sich durch eine Anzahl von Sonetten gekränkt, in denen der Dichter die eben am Hofe von Ferrara allseitig gefeierte Leonora Sanvitale, Gräfin von Scandiano, besungen; ein Streit mit einem Höfling trägt das Seine dazu bei, seine Stellung zu erschüttern und sein Misstrauen gegen andere und in sich selbst aufs höchste zu steigern. Pr stellt sich selbst dem Inquisitionsgericht in Bologna. Die Freisprechung vermag ihn nicht zu beruhigen. Er schleudert ein Messer nach einem Diener, von dem er sich behorcht glaubt; er will sich, als er hierüber in das Gefängnis gesetzt wird, das Leben nehmen. Alles deutet auf Gemütskrankheit, die auch durch einen Aufenthalt auf des Herzogs Villa Belriguardo in der reinen Landluft nicht gehoben wird. Die Versuche der Prinzessin Leonore beruhigend auf ihn zu wirken zeigen sich erfolglos. Man erlaubt ihm sich in ein Kloster zurückzuziehen. Die frommen Ubungen, mit denen er hier den bösen Geist in seinem Inneren bekämpfen soll, treiben ihn zur Flucht; was er noch besitzt, selbst sein Manuskript, lässt

er zurück und begiebt sich als Hirt verkleidet im Sommer 1577 nach Sorrent zu seiner Schwester 1*