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inneren Seelenkämpfe stürzte. Zugleich wandte er sich der Dichtkunst zu. Mit achtzehn Jahren vollendete er das grosse Heldengedicht„Rinaldo“, das seinen Namen bald weiter trug und ihm eine Stellung an der Universität Bologna verschaffte. Da er hier durch rücksichtslose Angriffe auf vieles, was ihm missfiel, eine Anklage wegen Schmähung öffentlicher Gewalten sich zuzog, floh er und folgte dann nach kurzem einem Rufe Scipio Gonzagas nach Padua, wo er in die„Accademia degli Eterei“ eintrat; immer mehr gewann er hier in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Einblick in das Wesen und die Aufgaben der Dichtkunst, wie sich dies besonders in seinen„Dialogen über die Dichtkunst, zumal das Heldengedicht“ kundgab, und erwarb sich neue Freunde und Gönner. Bald folgte er der Einladung des Kardinals Luigi d'Este am Hofe zu Ferrara, wo dessen Bruder Alfons herrschte, in seinem Gefolge zu leben. Er trat hier am 31. Oktober 1565 ein, um auch hier viel Glück und noch viel mehr Leid zu erleben. Rasch wendete sich ihm die Gunst des Herzogs und seiner Schwestern Lucrezia und Leonore zu; er fühlte sich, wie er sagt,„in einen Zauberpalast versetzt, in dessen Hallen himmlische Göttinnen, schöne Nymphen, neue Linus' und Orpheus' herum- wandeln.“ Bald besingt sein Lied die Schönen des Hofs, die wetteifernd dieser Gunst teilhaftig zu werden suchen, bald aber erregt er auch Neid und Missgunst und Eifersucht und empfindet selbst mehr Uberdruss als Befriedigung. Nur der vertraute Umgang mit den beiden Prinzessinnen erhebt sein Herz; in ihnen sieht er seine Ideale, und besonders Leonore begeistert ihn zu über- schwenglichen Liedern und giebt ihm das edelste Vorbild zu seinen Frauengestalten in dem Haupt- werk seines Lebens, dem„Befreiten Jerusalem“. In dem Verhältnis zwischen Olindo und Sophronia, dem liebenden Jüngling gegenüber der„unliebenden Geliebten“, glaubt man wohl nicht mit Unrecht seine Beziehungen zu der neun Jahre älteren Leonore d'Este zu erkennen. Dass er der Prinzessin wirklich näher gestanden, lässt sich nicht nachweisen, ja seine Gedichte deuten mit mehr Wahr- scheinlichkeit auf eine gänzlich unerwiderte Liebe hin. Seine Gegner werfen ihm vor, dass sein Herz ebenso warm oder noch wärmer für Lucrezia Bendidio, eine Hofdame der Fürstin, und für die Gräfin Leonore Sanvitale geschlagen.
Als er beinahe vier Jahre in Ferrara war, verlor er seinen innigst geliebten Vater, an dessen Sterbebett er nur noch eilen konnte; im folgenden Jahre ging er mit dem Kardinal nach Frankreich an den Hof Karls IX. Sein Name war ihm hierher vorausgoeilt, und er fand einen höchst ehren- vollen Empfang; aber die Sittenlosigkeit am Hof reizte ihn zu scharfen Urteilen, und er erhielt die Erlaubnis wieder nach Italien zu gehen, wo er zunächst in Rom sich aufhielt, um bald an den Hof von Ferrara, in den unmittelbaren Dienst des Herzogs, zurückzukehren. Eifrig arbeitete er an seinem„Befreiten Jerusalem“ weiter, getragen von der Hofgunst, aber bald auch hier aufs neue verfolgt von solchen, die seine Rücksichtslosigkeit ihm zu Feinden gemacht, und selbst von seinen Gönnern nicht mit immer gleicher Freundlichkeit behandelt. Ein Hirtengedicht„Amyntas“, das neben dem grossen Heldengedicht entsteht, giebt uns einen neuen, wenn auch nicht unumstöss- lichen Beweis seiner Liebe zu Leonore, deren Gegenliebe er wohl schliesslich ebenso noch zu erringen hofft, wie dies seinem„Amyntas“ mit der spröden Sylvia endlich gelingt. Das Gedicht fand unge- teilte Anerkennung, in Ferrara selbst wie in ganz Italien, und wurde für den Dichter die Veran- lassung zu einem Besuch in Urbino bei Lucrezia, die sich mit dem ehemaligen Jugendgespielen Tassos, dem jetzigen Herzog, vermählt hatte. Sein Aufenthalt bei der Gönnerin begeisterte ihn zu


