Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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Zu Göthes Tasso.

Vom Direktor: Dr. Wittich.

Torquato Tasso, der in ganz Italien heutzutage noch wohlgekannte, hochberühmte Dichter desBefreiten Jerusalem, war den 11. März 1544 zu Sorrent geboren. Sein Vater, Bernardo, selbst ein geachteter Dichter, war 23 Jahre lang der treue oberste Staatsdiener des Fürsten Sanseverino von Salerno und musste mit diesem in die Verbannung gehen, als derselbe überführt war mit den Franzosen in geheimem Bunde gegen die herrschende spanische Partei zu stehen. Torquato, dessen Frühreife von Eltern und Verwandten und dann in der Schule der Jesuiten man liess ihn mit neun Jahren zum Genusse des heiligen Abendmahls zu auf jede Weise gefördert war, folgte dem Vater im Alter von 10 Jahren, als die Mutter, verlassen von ihren Verwandten in Neapel, in dem nahen Nonnenkloster von San-Festo mit ihrer Tochter Cornelia eine Zufluchtsstätte gefunden hatte. Er sollte die Teure nicht wiedersehen; sie starb nach 2 Jahren, vom Trennungsschmerz verzehrt. Vater und Sohn hatten meist mit bitterer Not zu kämpfen; tiefe Schwermut spricht oft aus den Worten Bernardos und erzeugt wohl früh schon im Sohn dieselbe Geistesrichtung, trotzdem sein ferneres Leben auch viel Glück und frühzeitig grossartige Erfolge aufzuweisen hat.

Zuerst hatte er in Rom Gelegenheit gemeinsam mit einem Vetter, dessen Erziehung seinem Vater anvertraut war, einen vortrefflichen Unterricht zu geniessen und die überwältigenden Eindrücke der ewigen Stadt tief auf sein Innerstes wirken zu lassen; dann verlebte er in des Vaters Heimats- stadt Bergamo bei wohlhabenden Verwandten eine glückliche Zeit; und als Bernardo am Hofe des Herzogs von Urbino eine Anstellung erhalten, fand Torquato nicht nur in des Herzogs Sohne einen eng sich ihm anschliessenden Gefährten, er wurde auch bald der allgemein bewunderte Liebling von Männern und Frauen. In Venedig, wo darauf Bernardo als Sekretär der eben gegründeten Akademie zugleich den Druck seinesAmadis überwachen konnte, erregte der fünfzehnjährige Knabe durch sein Wissen und seinen Verstand die Bewunderung gelehrter Männer. Nicht bloss dem klassischen Altertum galt sein Fleiss; auch den Geisteserzeugnissen der Heimat, wie DantesGöttlicher Komõdie, wandten sich seine Studien zu, und er begann schon mit eigenem Schaffen.

Nach des Vaters Wunsch sollte er sich der Rechtswissenschaft widmen. Mit siebzehn Jahren ging er zur Universität Padua. Aber wenn er es auch an Fleiss in diesem Studium nicht fehlen

liess, so zog ihn doch sein Herz besonders zur Philosophie, was ihn freilich schon jetzt in die tiefsten 1