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und mit der häuslichen Erziehung nicht zufrieden, sie nach Athen, Rhodus, Apollonia, Mitylene, Massilia, Alexandrien und andern griechischen Akademien ¹) schickten.
Wie Vieles von dem Gesagten auf Rechnung unserer drei Philosophen zu setzen ist, lässt sich nicht genau abmessen, dass es aber nicht Weniges war, geht aus der Begeisterung, die sie erweckten, aus der Wichtigkeit, die so viele Schriftsteller ihrer Anwesenheit in Rom beilegen, endlich aus dem Umstande, dass ihre ausgezeichnetsten Schüler in der folgenden Zeit längere oder kürzere Zeit in Rom leben, mit Römern in Verbindung stehen und zur Begründung, Entwicklung, Vollendung des römischen Rechts, der römischen Beredsamkeit, der Erweiterung der römischen Erziehung, der Fortbildung der römischen Sprache und Entstehung der klassischen Litteratur der Römer so viel beitragen, mit Bestimmtheit hervor. Was die Philosopbie betrifft, so hätte freilich die von unsern Griechen hervorgerufene geistige Bewegung noch schönere Bläthen und reichlichere Früchte hervorbringen können, doch standen dem innere und äussere Hin- dernisse entgegen. Der italische Boden und der römische Charakter waren der Philo- sophie nicht günstig. Das römische Volk hat eine andere Aufgabe als das griechische, es verfolgt einen andern Weg als dieses. Nicht in dem Denken, sondern in dem Han- deln liegt seine Stärke ²). Sein Bewusstsein ist ein beschränktes ³). Es fehlt ihm nicht an Anlagen mannichfaltiger Art, es fehlt ihm auch nicht an Empfänglichkeit für das Höhere, aber es geht ihm jener ideale Schwung, jener zarte Hauch und Duſt, der über dem Hellenenthum ausgebreitet liegt, jene sich selbst vergessende Begeisterung ab, mit dem der Grieche seine Wissenschaſt, seine Kunst, die höchsten und heiligsten Angele- genheiten des Lebens ergreift. Die Philosophie ist die Führerin der Wissenschaften. Sie fordert die volle Hingebung des Menschen an die grosse, von der Wahrheit gestellte Aufgabe. Die Römer haben diese Hingebung nie bewiesen. In Rom hat keine Philo- sophenschule geblüht, die Philosophie hat in Rom keine Fortschritte gemacht. Keine neue Lehre ist hier den alten beigefügt, keine Untersuchung erweitert und vertieft worden. Es giebt viele Lehrer und viele Schüler der Philosophie in der Welthaupt- stadt, aber die Begeisterung für ihre Lehren ist nicht tief, nicht allgemein. Wie ganz anders in Griechenland oder bei den modernen Völkern, als sie im 15. und 16. Jahr- hundert zum ersten Male von der Macht der Religion, von der Gewalt künstlerischer
¹) Westermann], 82; II, 31; Zoeller III, I, 491. *) Siegwart, Gesch. d. Philos. 1844, B. I, S. 171 ff. ³) Ritter IV, 7; 33. 7*


