52
und wissenschaftlicher Ideen ergriffen wurden? Die Wahrheit ist dem Römer nicht Zweck, sondern Mittel 4). Sie sollte äussere Zwecke erreichen helfen, man schätzte sie auch als Bildungsmittel, aber die Wahrheit und die in ihrem Dienste stehende Wis- senschaft für sich allein schien des Preises nicht würdig. Zur Entschuldigung gereicht freilich, dass die Römer mit der Philosophie erst bekannt wurden, als diese in der al- ten Welt ihren Lauf fast vollendet hatte und nur Alexandrien, der Mittelpunkt des gei- stigen Lebens von drei Welttheilen, in dem Neuplatonismus der alten Philosophie noch ein wichtiges Glied anreihen sollte. Rom war dadurch zur Nachahmung verurtheilt und die Nachahmer haben nie grosse Ehre zu erwarten. Wenn man zu diesen in- nern Hindernissen noch die Kämpfe der Parteien, die Bürgerkriege, den rohen, zur sinnlichen Welt herabziehenden Luxus hinzunimmt, Dinge und Zustände, deren Verderb- niss sich in der Kaiserzeit noch steigerte, so hat man damit die hauptsächlichsten Gründe, aus denen die Philosophie in Rom keine begeisterten Jünger, keinen Ruhm, keine Ehre, keinen durchgreifenden Einfluss, keine feste Wohnstätte fand. Unsere drei Griechen haben daran keine Schuld. Sie hatten das Ihrige gethan. Sie hatten die Liebe der Einen, den Hass der Andern in seltenem Grade erregt. Nie hat eine Gesandtschaft neben ihrer eignen Angelegenheit das Lob und den Ruhm der Wissenschaft lauter verkündigt.
¹) Tennemann, Grundr. der Gesch, d. Phil. 1829,§. 173 fl.


