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Laerte seiner gedenkt ⁴³). Kritolaus war aus Phaselis in Lycien gebürtig 2). Das Jahr seiner Geburt wie seines Todes ist unbekannt. Nach Lucian ²) erreichte er ein Alter von 82 Jahren, wo diese Reihe von Jahren aber beginnt, lässt sich nicht einmal an- nähernd bestimmen, da weder feststeht, dass er der unmittelbare Nachfolger des Aristo aus Keos ist, noch die Zeit angegeben wird, wõ sein Nachfolger Diodorus aus Tyrus in das Scholarchat eintrat ¹).
Was seine Lehren betrifft, so schloss er sich wieder enger als sefne Vorgänger an den Stifter der Schule an. Strato, Lyco, Aristo, Hieronymus hatten sich mehr oder weniger von Aristoteles entfernt, Kritolaus wandte sich zu letzterem zurück und verschaffte dadurch sich und der peripatetischen Schule wieder grössere Selbst- ständigkeit ⁵)..
Er wiederholte die Aristotelischen Lehren von der Ewigkeit der Welt und des Menschengeschlechts und stützte beide durch die Unveränderlichkeit der Naturordnung. Zwar bringt er keine neuen Beweise für diese wichtigen Sätze vor, indess zeigt er uns doch durch die Beschäftigung mit der Metaphysik, dass es ihm nicht blos um die ver- schiedenen Theile der praktischen Philosophie zu thun war. In der Ethik wich er auf einigen Punkten von Aristoteles ab. Er erklärte die Lust für ein Uebel), was dieser nicht gethan hatte, und stellte sich durch diese Meinung an die Seite der strengsten
Moralisten, des Antisthenes, des Plato, er ging sogar noch über die Stoiker hinaus, insofern diese die Lust an sich weder für gut noch für böse halten. Auch durch die Bestimmung des höchsten Gutes nähert er sich der alten Akademie und der Stoa, in- dem er den geistigen Gütern einen unbedingten Vorzug vor den körperlichen und äus- sern einräumte. Obschon es Aristotelisch ist, wenn er das höchste Gut in der Vollen-
¹) Die peripatetische Schule hat überhaupt in jener Zeit keine selbstständigen Denker aufzuweisen, (s. Strab. p. 609; Plat. Sull. 26), sie zählte dagegen viele Gelehrte unter ihre Mitglieder, die sich mir historischen und grammatischen Studien, mit Rhetorik und Ethik eifrig abgaben.
2²) Plut. de exil. c. 14.
²) Macrob. c. 20.
4) Zeller II, 2, S. 752 ff.
³) Nachdem Cic. de fin. V, 5, 13 die Abweichungen seiner Vorgänger von dem Gründer der Schule kurz angedeutet, sagt er von Kritolaus: Kritolaus imitari antiquos voluit: et quidem est gravitate proximus, et redundat oratio. Attamen is quidem in patriis institutis manet.
⁶) Gell. N. A. IX, 5: Critolaus Peripateticus et malum esse voluptatem et multa alia mala parere ex sese, injurias, desidias, obliviones, ignavias.


