Aufsatz 
Über die Sendung drei berühmter Philosophen von Athen nach Rom im Jahre 155 v. Chr / Wiskemann
Entstehung
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in Griechenland, sondern auch in Italien genannt wurde. Vielleicht zählten sie selbst manchen Römer unter die Zahl ihrer Zuhörer. Eine Gesandtschaft von solchen Män- nern, den Vorständen der drei berühmtesten Philosophenschulen, der peripatetischen, stoischen und akademischen ¹), konnte nach der Ansicht der Athener, nicht ohne allen Erfolg bleiben. Es liess sich erwarten, dass der Senat mit Aufmerksamkeit und In- teresse dieselben hören und, wenn irgend möglich, ihre Bitte gewähren würde.

Diese Gründe mögen es gewesen sein, durch welche die Athener bestimmt wur⸗ den, die berühmt gewordene Gesandtschaft der drei Philosophen nach Rom zu schicken.

So gerechtfertigt indess um dieser Umstände willen die Wahl der Athener er- scheint, so wenig reichen dieselben hin, um die weiter reichenden Wirkungen, die von jener Gesandtschaft ausgingen und von denen später die Rede sein wird, zu erklären. Um diese zu begreifen, müssen wir uns die Personen und Lehren der drei Männer noch ein wenig genauer ansehen.

Der am wenigsten bedeutende unter ihnen ist der Peripatetiker Kritolaus. Es erklärt sich daraus, dass ihn Cicero an einer Stelle ²) sowie Plutarch ³) neben Diogenes und Karneades ganz zu nennen unterlassen, ferner dass nicht einmal Diogenes von

1) Cic. a. a. O. fragt nach dem Vorstand der Epikureischen Schule in jener Zeit. Es fiel ihm wahr- scheinlich auf, dass nicht auch das Ifaupt der letztern unter den Gesandten war. Praeterea, sagt er, qui eo tempore nobilis Epicureus fuerit, qui fuerit in hortis? Es ist möglich, dass man die Zahl drei der Zahl vier vorzog, wiewohl in jener Zeit die Gesandtschaften in Bezug auf ihro Zahl verschieden waren; erst Vespasian(4.§. 6. D. de legat. 50. 7) bestimmte, dass die Provinzi. alen nie mehr als drei Gesandten abschicken sollten. Wahrscheinlicher ist es, dass entweder die Person, welche an der Spitze der Epikureer staud, die man übrigens nicht mit Bestimmtheit anzu- geben weiss(s. Zeller, die Phil. d. Griech. B. III, Abth. I, Lpzg. 1865, S. 347), nicht empfeh- lender Art war oder dass man befürchtete, man möchte in Rom an der Sendung eines Epicureers Anstoss nehmen. Suidas(s. Exixοουροε berichtet, dass die Epicurcer nach einem Senatsbeschluss aus Rom wüären vertrieben worden. Ob er damit die Entfernung der beiden Epicureer Aleius und Philiskus, die(s. Athen XII, 547 a, den Aelian V. H. IX, 12 ausschreibt) unter dem Consulat des Posthumius d. h. im Jahre 154 stattfindet, im Sinne hat, ist nieht mit Sicherheit zu bestimmen. Man beschuldigte sie der Verführung der Jugend. Vielleicht gaben die Epicureer auch schon zu dem im Jahr 161 gegen die Philosophen und lateinischen Rhetoren gefassten Beschlusse(vgl Gell. XV, 11; Suet. de clar. rhet. c. 1) die nächste Veranlassung. Jedenfalls musste den Römern die Philosophie der Epicureer als die gefährlichste unter allen erscheinen.

2) Tusc. IV, 3, 5.

³) Cat, maj. 22.