44
griechische Schule, es waren die griechischen Philosophen, Rhetoren und scenischen Künst- ler, denen er seine tiefere Einsicht in das Wesen der Kunst und sein allgemein bewundertes Spiel, zum grössten Theil wenigstens, verdankte. Denn da sich Roscius zunächst für das römische Theater ausbildete, welches doch in manchen Beziehungen, wie namentlich hinsicht- lich der Gesticulation, von dem griechischen abwich, so ist begreiflich, dass er auch des Unterrichts der scenici latini nicht entbehren konnte. Hier war nun wohl der Pollio des Plautus längst nicht mehr, auch kannte Roscius den L. Ambivius Turpio und L. Attilius Prä- nestinus, die in den Terenzianischen Stücken mit so vielem Beifall gespielt hatten, wahr- scheinlich nur vom Hörensagen, dennoch konnte es ihm auch von dieser Seite her nicht an guten Lehrern fehlen. Das Schauspiel war eng mit der Religion verflochten ¹), die Religion aber bedurfte von früher Zeit her einer Reihe von Institutionen, in denen zum Behuf von Gesangaufführungen, gutem Flötenspiel ²) und mannichfaltigen mimischen Darstellungen noth- wendig Unterricht ertheilt werden musste. In wiefern das Theater mit der Religion zusam- menhing, benutzte es diese Tempelinstitute, dass es aber in Bezug auf die ihm eigenthümlich angehörigen Seiten von anderweitigem Unterricht entblöst gewesen wäre, ist nicht zu den- ken. So ist gewiss guter Grund vorhanden, unter den zuvor genannten histriones, die Mu- sikschulen hielten, neben den Griechen auch Römer zu verstehen und anzunehmen, dass, wo die Schauspieler Schulen für Fremde eröffneten, sie doch auch solche für ihre eigne Kunst werden gehabt haben.
Aus dem Gesagten wird, wie ich hoffe, verständlich, was uns die Alten von dem vollen- deten Spiele des Roscius berichtet haben, indess erhebt sich alsbald ein neuer Zweifel in Bezug auf seine Persönlichkeit. Nach den vorausgegangenen Erörterungen ist es nicht zweifelhaft, dass an seiner oft gerühmten venustas die Kunst allerdings keinen geringen Antheil hatte, Nichts desto weniger muss doch auch von der andern Seite vorausgesetzt wer- den, dass er an seinem Körper ein nicht ungeeignetes Darstellungsmittel erhalten hatte. Dennoch lesen wir von schielenden Augen des Roscius und Diomedes führt dabei noch be- sondere Nebenumstände an, indem er p. 486 sagt: Personis vero uti primus coepit Roscius Gallus praecipuus histrio, quod oculis obversis erat, nec satis decorus in personis nisi parasitus pronuntiabat. Lennep versteht unter dem zweiten personis die zu spielenden
¹1) S. Cic. de legg. II, 9; de harusp. resp. c. 12. Nach Donat. de trag. et com. standen zwei Altäre auf dem Theater, von denen der eine dem Liber, der andere dem Gotte, welchem die Spiele zu Ehren gegeben wurden, geweiht war. Aus eben diesem Grunde will Lactantius(Inst. VI, 20) nicht, dass die Christen die Schauspiele besuchen.
²) Die tibicines bildeten ein Collegium, weil man ihrer bei den öffentlichen Festen und religiösen Hand- lungen nicht entbehren konnte und lebten auf dem Capitol in dem Tempel des Jupiter. S. Liv. IX, 30; Val. Max. II. 5, 1. Ihr jährliches Fest feierten sie in Masken und bunten Kleidern. Zu den öffentlichen Spielen und Festen wurden, zumal früher, auch von jenen tibicines publiei zugezogen.


