Aufsatz 
Heinrich Wiskemann's Untersuchungen über den römischen Schauspieler Q. Roscius Gallus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

liessen, dass sie dem Gefeierten eine ganz andere Kindheit andichteten, als er in Wirklich- keit gehabt hatte. Wenn dies aber nicht der Fall war, so weisen die erwähnten Kunstwerke des Pasiteles und Archias auch in ihrer weitern Ausführung der Einzelnheiten, die doch nicht gefehlt haben kann, auf eine Kindheit des Roscius hin, die nicht unter niedrigen, drül- kenden Umständen verlebt wurde. Ich glaube aus diesen Gründen nicht zu irren, wenn ich

den Vater des Roscius den servis ordinariis zuzähle, zu denen die procuratores, dispensato-

res, actores, d. h. solche Sklaven, welche als Verwalter, Rechnungsführer u. s. w. dem städ- tischen oder ländlichen Hauswesen nach seinen verschiedenen Seiten hin vorstanden, gehör- ten, die selbst wieder ihre vicarii und je nach dem Vermögen, der Stellung, den Eigeuschaf- ten ihres Herrn oft einen sehr ausgedehnten Wirkungskreis und grossen Einfluss hatten ¹), und zwar dürfte derselbe, darauf führt uns der Name hin, Wirthschaftsverwalter eines zu Lanuvium oder Rom wohnenden Roscius gewesen sein ²), der in Selonium, wo, wie wir aus dem kleinen Gute des Cicero sehen, überhaupt wegen der anmuthigen Gegend eine Reihe von Landgütern reicher Leute sein mochte, ein Besitzthum hatte.

Wenn ich bisher nicht ganz fehl gegangen bin, indem ich aus den Verhältnissen, in de- nen die Schwester des Roscius lebte, sowie aus der mitgetheilten Sage über ein Ereigniss aus der Kindheit des Roscius auf die Lage seiner Eltern zurückschloss, so wird aus dem Vorhergehenden zugleich begreiflich, wie unserm Künstler schon frühe Gelegenheit zu Unter- richt werden konnte. Nicht blos die Umstände der Eltern, sondern auch die Nähe von La- nuvium machten eine sorgſältigere Erziehung möglich. Lebte sein IIerr in Lanuvium, so ist Nichts wahrscheiplicher, als dass in dieser Stadt, der es bei dem Glanz ³) und Reichthum vieler dort lebender Familien, bei dem häufigen, namentlich auch religiösen Verkehr mit Rom ¹), bei der Bildung, die um jene Zeit mehr als später in den latinischen Städten ange- troffen wurde), nicht an guten Schulen fehlen konnte, auch unser Roscius seinen ersten Unterricht erhielt. Es ist sogar denkbar, dass hier schon durch Aufführungen einheimischer

1) Vgl. Adams Hdb. d.. Alt. von Meyer, Erlangen 1818. B. 1. S. 70 u. Becker a. a. O. B. I. S. 108.

) Es gab drei gentes der Roscier, die in Lanuvium, Rom v. Ameria wohnten. S. Pauly a. a. O. Roscii.

³) Von Lanuviam stammte der bekannte Milo(vgl. Cic. Rede über ihn und s. fortwährenden Bezichun- gen zu seiner Vaterstadt), desgleichen Murena. In späterer Zeit gelangte die Stadt zu neuem Glanze, da die Antonine und Commodus von dort waren.

4) Die Römer hatten Antheil an dem so berühmten Tempel und Hain der Juno Sospita zu Lanuvium. Vgl. Niebuhr,. Geschichte. B. I, S. 589; Klotz zu Cic. Red. B. I, S. 525, ausserdem die Erklärer zu Propert. Eleg. 4, 8.

³) Cic. pro Arch.§. 5: Erat Italia tum(gegen Ende des 2. Jahrh.) plena Graecarum artium et discipli- narum studiaque haec et in Latio vehementius quam nunc isdem in oppidis etc. Das hier Gesagte galt wohl vorzugsweise von Lanuvium, woher auch der berühmte Grammatiker L. Ael. Stilo, vielleicht auch der Epikureer Vellejus bei Cic. de nat. deor., aber nicht, wie selbst Ritschel a. a. O. 1, 189 irriger Weise meint, der Dichter Luscius, der Zeitgenosse des Terenz, der vielmehr aus Lavinium war. S. Donat zu Terent. Eun. Prolog. v. 9.