5
Kindheit des Roscius bezieht, zugleich ein schwaches Licht auf die Umstände werfen, in de- nen sich die Eltern des letzteren befanden. Q. Cicero nämlich, welcher, wie bekannt, im ersten Buche der Schrift über die Weissagung, im Sinne der Stoiker über die Zeichen und verschiedenen Arten von Vorbedeutungen redet, erzählt unter Andern ¹) von einer in gan⸗z Lanuvium verbreiteten Sage, dass den in der Wiege schlummernden kleinen Roscius einst eine Schlange umwunden habe. Die herbeikommende Amme habe, als sie ein Licht ange- zündet und gesehen hätte, was mit dem Knaben vorgehe, ein Angst- und Hütffegeschrei erho- ben, der Vater aber, welcher den Haruspices den Vorfall berichtete, die Antwort erhalten, Nichts werde einst bekannter und berühmter sein als jener Knabe. Nun wird zwar die Wahrheit dieser Erzählung von dem Redner Cicero, der im zweiten Buche derselben Schrift den Skepticismus der neuern Akademie auf die Lehre von der Weissagung anwendet, be- stritten ²), auch muss zugegeben werden, dass jene Begebenheit nicht deshalb, weil sie sich wirklich zugetragen hatte, sondern deswegen, weil der Mann, auf den sie sich bezog, später angeseben war und seinen Freunden Gutes thun konnte, von Pasiteles ⁵), einem berühm- ten Erzgiesser, und dem Improvisator und Gelegenheitsdichter Archias durch Kunstwerke verherrlicht wurde. Indess geht doch für unsern Zweck aus jener Erzählung und ihrer Verherrlichung durch die Kunst wenigstens so viel hervor, dass die Eltern des Roscius, wie- wohl dem Sklavenstande angchörig, doch nicht zu den niedern Klassen der Sklaven gehör- ten. Es kommt in der Sage eine Amme vor und es ist nicht unwahrscheinlich, dass, wie schon Winkelmann und Thiersch vermuthen ⁴), Pasiteles in seinem Kunstwerke den Moment darstellte, wie die Schlange den Knaben umfasst hält und die erschrockene Wärterin mit der Lampe neben der Wiege steht. Schon diese Amme, neben der gewiss noch andere Dienerschaft vorhanden war, erlaubt nicht, an ärmliche Verhältnisse zu denken. Desgleichen darf wohl nicht angenommen werden, dass die genannten beiden Künstler, indem sie ihren Freund Roscius durch die bildende und redende Kunst verherrlichten, da ohne Zweifel das ganze Leben des Roscius allgemein bekannt war, den Boden der Wirklichkeit so weit ver-
1) De div. 1, 36: Quid? amores ac deliciae tuae, Roscius, num aut ipse aut pro eo Lanuvium totum mentiebatur? qui cum esset in cunabulis educareturque in Solonio, qui est campus agri Lanuvini; noctu lumine apposito, experrecta nutrix animadvertit puerum dormientem circumplicatum serpentis amplexu. Quo adspectu exterrita clamorem sustulit. Pater autem Roscii ad haruspices retulit; qui responderunt nihil illo puero clarius, nihil nobilius fore. Atque hanc speciem Pasiteles celavit argento et noster expressit Archias versibus.
²) Cap. 31: De ipso Roscio potest illud quidem esse falsum, ut circumligatus fuerit anguis(so muss nemlich statt angui gelesen werden, cinmal, weil es überhaupt unmöglich ist zu sagen, dass sich ein Kind um eine Schlange gewunden habe statt umgekehrt, sodann aber auch, weil Cicero dem widersprechen würde, was im ersten Buche erzählt wurde): sed, ut in cunis fucrit anguis non tam est mirum, in Solonio praesertim, ubi ad focum angues nundinari solent. Nam quod haruspices responderunt, nihil illo clarius, nihil nobilius foro; miror, deos immortales histrioni futuro claritatem ostendisse, nullam ostendisse Africano.
²) Vgl. über ihn, was Creuzer zu L. 1, c. 36 beibringt.*) S. Creuzer a. a. 0.


