Aufsatz 
Die Turnhalle der Oberrealschule / von Max Georg Schmidt
Entstehung
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Die Turnhalle der Oberrealschule. Von

Oberlehrer Dr. Max Georg Schmidt.

Eine einsichtsvolle und von aufrichtigem Wohlwollen für die Jugend durchdrungene Stadtverwaltung kann sich der Erkenntnis nicht entziehen, dass in unserer Zeit angestreng- tester Geistesarbeit mit allen Kräften darauf hingewirkt werden muss, dass gegenüber den ständig wachsenden Anforderungen der Schule an die Thätigkeit des Verstandes die Gesund- heit und körperliche Rüstigkeit des heranwachsenden Geschlechts nicht beeinträchtigt werde. Dieser Gesichtspunkt ist unter anderem für die städtischen Behörden unserer alten Universitäts- stadt massgebend gewesen, als sie unmittelbar vor den Thoren des neuen Oberrealschulge- bäudes eine Badeanstalt errichteten und durch Aushebung eines sich hier an der Lahn weithin erstreckenden flachen Geländeabschnittes die Vorbedingung für eine gefahrlose Eisbahn schufen. Dadurch ist den Turnlehrern der Anstalt die seltene Gelegenheit geboten, in unmittelbarer Nachbarschaft des Schulhauses durch Baden, Schwimmen und Eislauf eine ebenso angenehme wie gesunde Abwechslung in den körperlichen Übungen herbeizuführen. Mit anerkennens- wertem Verständnisse für die Bestrebungen der deutschen Turnerei ist nun im letzten Jahre unter grossen finanziellen Opfern eine Turnhalle fertiggestellt worden, welche an äusserer schöner Ausstattung wie innerer vollendeter Einrichtung als würdiges Seitenstück des Haupt- gebäudes bezeichnet werden muss.

Die Turnhalle steht(in nord-südlicher Richtung) 8,50 m vom Schulhause entfernt, ist mit diesem durch Cementtrottoir verbunden und ist im ganzen 25 m lang und 13 m breit. Sie ist massiv gebaut und zwar ist der Sockel in Sandstein gequadert, während die aufgehen- den Gebäudeecken aus Backsteinquaderung hergestellt sind. Die Fenster, deren Sohlbänke Hausteine bilden, sind mit profilierter Backsteinumrahmung gebaut, die dazwischen liegenden Flächen sind mit Cementbewurf verputzt. Die Giebel haben massive Sandsteinabdeckungen und Bekrönungen, das Dach besteht aus Falzziegeldach. Die Heizung der Turnhalle wird durch Anschluss an die Heizung des Hauptgebäudes bewerkstelligt, welche als Niederdruckdampfhieizung konstruiert ist. Die 5 Heizkörper befinden sich in der östlichen Längswand und sind durch Ventile verstellbar. Die Beleuchtung erfolgt durch 10 an den Wandpfeilern angebrachte ein- fache Arme mittels Gasglühlicht.

Betritt man durch die grosse zweiflügelige Thür von der südlichen Hofseite her das Gebäude, so gelangt man zunächst in den 4 m breiten und 7 m langen Garderobenraum der Schüler. Hier ist eine grosse Zahl von Haken zur Aufnahme der Kleidungsstücke angebracht, an der linken Wandseite steht ein hölzernes Gestell, welches zur Aufnahme der Turnschuhe (Segeltuch mit durchnähten und gerippten Gummisohlplatten) dient. Dasselbe ist in 300 kleine Gefache eingeteilt, damit jedes Paar Turnschuhe, mit den Anfangsbuchstaben der Namen ge- zeichnet, an seinen bestimmten Platz gelegt werden kann. Jede Turnabteilung hat ihren eigenen, durch eine besondere Thür verschliessbaren Teil des Gestells zur Verfügung, sodass ein Durcheinanderwerfen der Schuhe der verschiedenen Abteilungen ausgeschlossen ist. Da

Jahresbericht der Oberrealschule zu Marburg. 1901. Progr.-Nr. 455.