herzinniger Dank dargebracht für den Schutz, den ſie uns gewährt, für die Sicherheit, die ſie uns ge⸗ bracht, für die Unabhängigkeit, die ſie uns erkämpft haben.
Aber nicht nur zum Dank fordert uns der heutige Tag auf, ſondern auch zu einem Gelübde. Die Erfolge des furchtbaren Entſcheidungskampfes ſind nur durch ungeheure Anſtrengungen und unter den ſchwerſten Opfern erreicht worden. Jetzt lüüt es, das Errungene zu erhalten und auf dem gelegten Grunde weiter zu bauen. Und dazu bereitwillig und freudig mitzuwirken, wo ſich die Gelegenheit bietet und die Aufforderung an uns herantritt, das muß das Gelübde ſein, das wir heute aufs Neue dem Vaterlande darbringen.
Zwar, daß der beſiegte Nachbar in der nächſten Zeit den Verſuch machen werde, ſeine Nie⸗ derlage zu rächen und uns die verlornen Grenzprovinzen wieder zu entreißen, das möchte wohl nicht zu befürchten ſein. Sollte er ſich aber dennoch durch Verblendung und Leidenſchaften zu ſolch thörichtem Beginnen fortreißen laſſen, dann würde er zum andernmal und dann erſt recht erfahren, was das geeinte und jetzt noch weit beſſer, als 1870, gerüſtete und geſchützte Deutſchland im Kriegsfalle zu leiſten vermag.
Auch Das iſt nicht zu fürchten, daß uns die nach ſo langem und ſchwerem Ringen endlich zwiſchen Volk und Fürſten und dem Kaiſer vereinbarte Reichsverfaſſung wieder verloren ginge, denn die Grundlagen, auf denen dieſelbe beruht, ſind zu ſtark und zu feſt und die Organe, die zu ihrer Auf⸗ rechthaltung berufen und verpflichtet ſind, zu mächtig, als daß Jemand mit irgend einer Ausſicht auf Erfolg das ſtolze Gebäude unſrer nationalen Einigung zu erſchüttern oder zu zertrümmern unternehmen könnte.
Aber Das muß leider immer noch befürchtet werden, daß wir uns den ganzen und vollen Segen dieſer Einigung verkümmern und uns den ruhigen Genuß derſelben verbittern, indem wir immer und immer wieder die Schlagwörter alten Parteihaders aus dem Schutte der Vergangenheit hexvorholen, immer wieder mehr Das betonen, was uns ſcheidet, als Das, was uns eint, und die Gemüther, die in den ſchweren Tagen der Noth und der Gefahr ſich ſo feſt und ſo treu an einander geſchloſſen, wie⸗ der auseinder reißen und an die Stelle der aufopfernden Vaterlandsliebe den engherzigen Eigennutz treten laſſen. Die Geſchichte hat mit Flammenzügen die Thatſahe in ihre Annalen eingetragen, daß der ſchlimmſte Feind, den die Deutſchen von jeher gehabt haben, ihre innere Zwietracht geweſen iſt; der Krieg von 1870 aber hat mit Sternenſchrift über den Eingang zu dem ſtolzen Baue des neuen deutſchen Reiches das Loſungswort geſchrieben:„Seid einig, einig, einig.“
So laſſet uns denn dieſes Wort zur Loſung unſres Lebens machen; laßt uns treu und feſt zuſammenſtehen in der Liebe zum Vaterland; laßt uns Alles fern halten, was uns in ſchroff einander gegenüberſtehende Parteien zerreißen könnte; laßt uns gegenſeitiges Mißtrauen und Verdammen aus unſerer Mitte verbannen; laßt uns in ernſtem und ausdauerndem Ringen danach ſtreben, ſo viel an uns iſt den Segen unſrer neuen Staatsformen allen Schichten unſres Volkes zu Theil werden zu laſſen; laſſet uns dabei aber auch nicht vergeſſen, daß das ſicherſte Fundament wie aller Reiche, ſo auch des unſrigen der Geiſt der Zucht und der Sitte, des Rechts und der Gerechtigkeit, der Tugend und der Gottesfurcht iſt, von dem ſeine Bürger je mehr und mehr ſich durchdringen laſſen müſſen, wenn es Beſtand, Dauer und Gedeihen haben ſoll.
Und Das bedenket namentlich auch Ihr, meine lieben Schüler! Das alte Geſchlecht tritt raſch von dem irdiſchen Schauplatz ab, das junge rückt an ſeine Stelle. Was die Väter erworben, errungen und gegründet haben, das ſollen die Söhne erhalten, bewahren und vermehren. Ihr werdet einſtens, wenn Ihr Männer geworden ſeid, die ſegensreichen Folgen des gewaltigen Krieges der Jahre 1870 und 71 noch weit beſſer erkennen und in weit reicherem Maße genießen, als es uns Aelteren beſchieden iſt. O, ſo thut alsdann auch das Eurige, daß Euch und unſerm Vaterlande dieſe Früchte des glorreichen Kampfes unſrer Tage nicht wieder verloren gehen. Dazu aber Etwas beitragen zu können, das erfordert Einſicht, Vaterlandsliebe, Muth, Opferwilligkeit, Gottvertrauen. Unſere Schule giebt Euch reiche Veranlaſſung zur Aneignung dieſer Eigenſchaften und Tugenden. O, ſo benutzet denn die Euch gebotene Gelegenheit eifrig und gewiſſenhaft, werdet und bleibt brave Schüler, damit Ihr einſt brave und tüchtige Männer, brave und tüchtige Bürger des deutſchen Reiches werdet!—


