mußte ſich endlich dem Richterſpruch des Schickſals fügen und zeigte durch einen Brief dem in der Nähe weilenden König Wilhelm, unter deſſen perſönlicher Oberleitung die dreitägige furchtbare Schlacht ge⸗ ſchlagen worden war, an, daß er ihm ſeinen Degen überreichen und Stadt und Heer übergeben wolle.
Noch in der Nacht wurden die Bedingungen der Capitulation zwiſchen dem Chef des großen Generalſtabes, Grafen Moltke, und dem am Vormittag an der Stelle des verwundeten Generals Mac Mahon in das Oberkommando der franzöſiſchen Armee eingetretenen, erſt 48 Stunden vorher aus Algier eingetroffenen Generals Wimpffen verabredet. In Folge derſelben kamen 39 Generale, 230 Stabsoffiziere, 2595 Subalternoffiziere, 84,433 Mann Soldaten, 330 Feldgeſchütze, 70 Mitrailleuſen, 10,000 Pferde und ein unzählbares Heergeräthe aller Art in die deutſchen Hände und wurden als eine noch niemals in der Weltgeſchichte dageweſene Siegesbeute ſofort nach Deutſchland abgeführt.
In der Frühe des 2. Septembers aber trat Kaiſer Napoleon mit König Wilhelm in einem in der Nähe befindlichen kleinen Landhauſe zuſammen und übergab ſich ihm in die Gefangenſchaft, für deren Dauer ihm bis nach abgeſchloſſenem Frieden das Schloß Wilhelmshöhe bei Kaſſel als Aufenthalts⸗ ort angewieſen wurde.
Das war das Gottesgericht von Sedan, deſſen Jahrestag heute zum drittenmal wiedergekehrt iſt und das gewiß verdient, in dem dankbaren Gedächtniß aller nachkommenden Generationen bewahrt zu werden, ſolange es eine deutſche Geſchichte giebt.
Freilich, ſein Ende hatte damit der furchtbare Krieg noch nicht gefunden. Die Belagerung von Straßburg hat noch einen Monat, die von Metz noch zwei, die bald darauf beginnende von Paris noch fünf Monate gedauert; es ſind noch Ströne von Blut vergoſſen worden, und die Namen Orleans, Amiens, St. Quentin, Vendome, Le Mans und Belfort ſind als die Schauplätze heißer, aber ſtets für unſre Armeen ſiegreicher Kämpfe in unſer aller Erinnerung. Aber ändern konnten alle dieſe, wenn auch mit großem Muth und anerkennenswerther Tapferkeit von dem Feinde gewagter und beſtandener Kämpfe an der Entſcheidung des großen Krieges Nichts, die bereits in dem Ausgang der Schlacht bei Sedan gelegen war. Das mußte ſich zuletzt auch Frankreich ſelbſt ſagen und ſich darum nach langem Sträuben zur Uebergabe ſeiner Hauptſtadt und zum Frieden bequemen, deſſen Bedingungen zunächſt vorläufig am 26. Februar 1871 zu Verſailles verabredet und ſpäter am 10. Mai zu Frantfurt a. M. definitiv feſtgeſtellt worden ſind.
Und welch ein ruhm⸗ und ſegenvoller Frieden iſt es doch, welchen wir als den Ertrag des ſieg⸗ reich durchgefochtenen Kampfes mit Frankreich abgeſchloſſen haben. Wie herrlich ſind doch die Folgen, die uns derſelbe nach außen und nach innen gebracht hat!
Zunächſt hat er uns die beiden ſeit zwei Jahrhunderten durch den franzöſiſchen Uebermuth theils auf liſtige, tbeils auf gewaltſame Weiſe uns entriſſenen Grenzprovinzen wieder zugeführt, deren Wieder⸗ heimholnng ſchon nach Niederwerfung des erſten Napoleons der heißeſte Wunſch von ganz Deutſchland geweſen war. Dann hat er unſern Nationalwohlſtand bedeutend gehoben, indem er uns nicht nur den vollen Erſatz aller unſrer Kriegskoſten, ſondern auch noch eine weitere Contribution und zwar von ſol⸗ cher Höhe eingebracht hat, wie ſie bis daher in der Weltgeſchichte noch niemals genannt, viel weniger jemals geleiſtet worden war.
Aber noch erfreulicher, noch herrlicher ſind die Folgen des Friedens nach der inneren Seite hin. Durch denſelben iſt endlich, endlich erreicht worden, was ſeit einem halben Jahrhundert der beißeſte Wunſch, das glühendſte Verlangen aller Vaterlandsfreunde geweſen iſt, wofür ſo viele edle Märtyrer Freiheit und Leben geopfert haben, oder in die Verbannung gegangen ſind: das deutſche Reich, zwar nicht alle, aber doch die meiſten deutſchen Stämme umfaſſend, mit einem perſönlichen Oberhaupte an der Spitze, iſt wieder aufgerichtet und eine Reichsverfaſſung eingeführt worden, welche allen berechtigten Forderungen unſres Volkes entſpricht und eine ruhige, glückverheißende Entwicklung unſrer inneren Verhältniſſe verbürgt. Und, o wunderbare Fügung des Schickſals! die Erneuerung des deutſchen Reiches wurde an demſelben Orte vollzogen, von welchem vor zwei Jahrhunderten die erſten, ſeitdem nie ruhen⸗ den Attentate anf die Integrität unſres Vaterlandes ausgegangen waren. Denn noch mitten unter dem kriegeriſchen Gewühl, das ihn den ganzen Winter umgeben hatte, hatte König Wilhelm von Preußen zu⸗
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