Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1873
Entstehung
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24.

weil ja die Schlacht bei Sedan durchaus nicht dem blutigen Kriege zwiſchen Deutſchland und Frankreich ein Ziel geſetzt, es vielmehr auch nach dieſem Tage noch ſchwere und opferreiche Kämpfe gekoſtet habe, um den Widerſtand des franzöſiſchen Volkes völlig zu brechen und uns den erſehnten Frieden zu brin⸗ gen; wolle man darum das Hedächtniß unſres endlichen Sieges in der Erinnerung der nachkommenden Geſchlechter wach erhalten, ſo möge man ſtatt des Tages von Sedan den 10. Mai, als den Tag des definitiven Friedensſchluſſes, zum Gedächtnißtag des gewaltigen Rieſenkampfes machen, aus dem unſer Volk ſieg⸗ und ehrenreich hervorgegangen iſt.. 9 Nun kann zwar allerdings nicht geleugnet werden, daß auch nach der Schlacht bei Sedan unſre Heere noch große Gefahren zu beſtehen, gewaltige Anſtrengungen zu machen, ſchwierige Aufgaben zu löſen gehabt haben. Aber andrerſeits muß doch auch zugegeben werden, daß der Ausgang der Schlacht bei Sedan die eigentliche Entſcheidung des Krieges gebracht hat, nach welcher die endliche Niederwerfung des feind⸗ lichen Widerſtandes nur noch eine Frage der Zeit, nicht aber mehr ein Gegenſtand des Zweifels ſein konnte. Dazu aber kommt noch, daß der eigentlich tragiſche Höhepunkt des ganzen Krieges in dem welt⸗ hiſtoriſchen Ereigniß liegt, das den Schlußact des Kampfes bei Sedan bildet. Dceerjenige, deſſen Name ſchon unwillkührlich an Uebermacht und Gewaltthat erinnert, der durch kluge und glückliche Benutzung der Umſtände Frankreich zur Vormacht Europas erhoben, der mit über⸗ müthiger Siegesgewißheit den Krieg freventlich heraufbeſchworen und ſich kurz zuvor noch gerühmt hatte, daß er den Frieden in Königsberg dictiren werde, er legt, an jeder Rettung verzweifelnd, ſeines Sturzes⸗ gewiß und faſt ein Flüchtling vor ſeinem eignen Heere, ſein Schwert dem ſiegreichen Heldengreiſe zu Füßen, dem er erſt jüngſt durch ſeinen kecken Abgeſandten ſo große Demüthigungen angeſonnen. 1 Wahrlich, die Weltgeſchichte hat wenig Ereigniſſe aufzuweiſen, die einen gleich überwältigenden Eindruck auf unſer Gemüth machen, und darum war es ein ganz natürliches Gefühl, wenn unſer Volk, in dem ſich mit dem Namen Napoleon noch immer die Erinnerung an all die Schmach und all die Be⸗ drängniß verband, die es einſt von dem Erſten dieſes Namens zu erdulden gehabt, in der Demüthigung des dritten Trägers dieſes Namens das Siegel der Niederwerfung des franzöſiſchen Hoch⸗ und Ueber⸗ muthes erblickte und ſeiner Reiſe in die Gefangenſchaft nachſchaute als dem Anfang von dem Schlußacte, deſſen Ausgang der Sache nach vorauszuſehen war, wenn er auch der Zeit nach noch in ungewiſſer Ferne lag. Und darum, weil wir der allgemeinen Volksſtimme in dieſer Würdigung des Ereigniſſes von Sedan vollkommen beipflichten müſſen, grade deßhalb halten wir den Jahrestag der Schlacht bei Sedan ganz dazu geeignet, für alle Folgezeit den hervorragenden Mittelpunkt zu bilden, an welchen ſich unſre Erinnerungen an den jüngſt durchlebten Krieg und ſeine Folgen anſchließen mögen.

Worauf ſich aber bei der Feier dieſes Tages unſre Gedanken hinzurichten haben werden, darüber kann wohl kein Zweifel unter uns herrſchen. Es ſind zunächſt der Anlaß und der Verlauf des Krieges, ſodann die Früchte des erfochtenen Sieges und endlich die Verpflichtungen, die uns gegenüber den ſegens⸗ reichen Folgen dieſes Krieges erwachſen ſind, worauf ſich jedesmal, ſo oft wir den heutigen Tag feiern, unwillkürlich unſre Betrachtungen hinrichten werden.

Was die Veranlaſſung des Krieges betrifft, ſo haben wir gleich bei ſeinem Beginn mit gutem Gewiſſen vor Gott und aller Welt bezeugen können, daß dieſelbe nicht von uns ausgegangen, ſondern daß uns dieſer Krieg von unſerm alten Erbfeind auf die frivolſte Weiſe aufgedrungen worden iſt. Und was gleich Anfangs die allgemeine Stimme ausſprach, das hat ſich, je mehr nach und nach alle Antece⸗ dentien des Krieges an das Tageslicht getreten ſind, deſto mehr beſtätigt. Frankreich hat den Krieg mit uns gewünſcht, gefliſſentlich geſucht, weil ſein Hochmuth und ſein Suprematiegelüſte es nicht ertragen konnte, daß Deutſchland, das ſo oft und ſo lange von ihm mißachtete, bedrückte und mißhandelte, zu einer ihm ebenbürtigen Macht heranzuwachſen begann. Seitdem durch den unvermuthet raſchen und glücklichen Ausgang des Krieges von 1866 Preußen die leitende Macht in Deutſchland geworden und mit Umſicht und Entſchloſſenheit begann, den Traum einer den Zeitverhältniſſen und dem politiſcheu Bedürfniſſe unſres Volkes entſprechenden Bundesverfaſſung, dem die Herzen aller Vaterlandsfreunde ſeit einem halben Jahrhundert mit glühender Sehnſucht entgegen geſchlagen, dem man in den letzten Jahr⸗ zehnten in Ständekammern wie in Volksverſammlungen, in Staatsſchriften wie in Tagesblättern den