Aufsatz 
Vortrag zur Begrüßung der elften Versammlung mittelrheinischer Philologen und Schulmänner zu Worms am 7. Juni 1870
Entstehung
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alles Zuthun Worms dies Mal zum Orte ihrer Berathungen gewählt und hiemit die Ebenbürtig⸗ keit des Wormſer Gymnaſiums auch in den fernen Kreiſen anerkannt habe. Redner wiederhole daher in ſeiner Begrüßung den wärmſten Dank, welchen er zugleich allen Staats⸗ und ſtädtiſchen Behörden ſowie allen jetzigen wie früheren Mitlehrern ausſprach, die ſeinen guten Willen zur Hebung und Erhaltung des Wormſer Gymnaſiums redlich unterſtützt hätten. Um dieſen Dank auch thät⸗ lich auszudrücken, habe er ihr den Reſt ſeiner Verdeutſchung des platoniſchen Staates gewidmet, welches unvergleichliche Schriftwerk des griechiſchen Alterthums Rouſſeau, der Verfaſſer des Emil, das beſte Werk über Pädagogik genannt habe. Ihn, den Redner, wenigſtens habe dieſes in ſeinen dienſtfreien Nebenſtunden über der Zinne der Parteiſtandpuncte erhalten, ihm Er⸗ holung und Tröſtung in den verſchiedenartigſten Widerwärtigkeiten und die nöthige geiſtige Beweg⸗ lichkeit in ſeinem vielſeitigen Schulleben gewährt. Was der Fürſt im Wiſſen der alten Griechen gewußt, das werde natürlich von den Fortſchritten der neueren Zeit übertroffen; die bibliſche Heilslehre übertreffe die platoniſche Jatrike, aber Wiſſen mit Religion gehörig zu ver⸗ binden, darin ſei und bleibe ſeine Lehrart immer Muſter, und mehr als ein krankes Jahrhundert habe in dem Studium derſelben Frieden und Geneſung gewonnen.

Nach dieſer Begrüßung ſtellte der Vorſitz nde der Verſammlung noch zur Verfügung eine Abhandlung: Ueber das Geheime in der Lehre Plato's, namentlich den Abſchnitt davon, welcher über die desfallſige Abſicht Schleiermacher's handelt, ſowie zwei Theſen aus der Methodik des Gymnaſial⸗Unterrichtes, 1) über die nun nothwendig gewordene Art der Lectüre der alten Klaſſiker, nachdem die Ueberſetzungen derſelben allgemein zugänglich geworden; 2) über die Certation der Schüler durch exercitia pro loco. Da jedoch der begrüßende Vortrag ſchon einen Theil der beſtimmten Zeit weggenommen hatte: ſo überließ er den Vorrang den von dem Hrn. Director Piderit aufgeſtellten Theſen, betr. den Unterricht in der deutſchen Sprache und Literatur auf Gymnaſien. Hr. Prof. Rumpf aus Frankfurt hielt einen Vortrag über eine zu Tanten(der Heimat des hörnernen Siegfrieds) aufgefundene Inſchrift, Hr. Prof. Becker zu Frank⸗ furt über eine zu Rom gefundene israelitiſche Grabſchrift, welche in griechiſcher Sprache abgefaßt iſt. Hr. Prof. Klein*) von Mainz, ein namhafter Kenner der römiſchen Alterthümer, brachte am Schluſſe das ſchon früher in dieſem Blatte angeregte Project einer Antiquitäten⸗Halle in Worms mit warmen Worten in Anregung, unter Hindeutung auf die koſtbaren römiſchen Monu⸗ mente, welche ſich in den Räumen des Bürgerhofes finden und daſelbſt der Verwitterung ausgeſetzt ſind. Hr. Regierungsrath Pfannebecker erklärte ſich bereit zur Unterſtützung dieſes Projectes, unter Beziehung auf ſeine früheren desf. Schritte, und hoffte eine gleiche von Seiten des Stadt⸗ vorſtandes, weshalb die weitere nähere Beſprechung auf eine andere Zeit vertagt wurde. Nach aufgehobener Sitzung, über welche Hr. Prof. Deimling aus Mannheim das Protokoll führte, Beſichtigung der erwähnten römiſchen Denkmäler und andrer Sehens⸗ würdigkeiten der Stadt, ſodann gemeinſchaftliches Mahl. Bezug nehmend auf ſeinen Vortrag über die allmählige Wiedergeburt und Vervollkommnung des Wormſer Gymnaſiums, erinnerte der Vorſitzende, daß dieſe unter drei Fürſten des Landes vollzogen worden ſei: unter Ludwig I. ward es reorganiſiert, unter Cudwig II. mit realiſtiſchen Parallelklaſſen erweitert, unter Ludwig III. mit einer vollſtändigen Re alſchule verbunden; da den zwei hingeſchiedenen

*) Der leider am 18. Nov. d. J. uns und der Wiſſenſchaft entriſſen wurde. Ein ausführlicher Nekrolog ſteht im Mainzer Anzeiger Nr. 273 und 274. i9