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mit Ausnahme der chartae socraticae!) läßt das Herz leer und kalt. Den denkenden Philologen galt es nun mehr um die tiefſten Bedürfniſſe der Seele und um die heiligſten Regungen des Ge⸗ müthes als um den feinen Geſchmack in Kunſt und Wiſſenſchaft. Nachdem man die im Urterte zu⸗ gängliche Bibel ergriffen, that ſich eine neue Welt auf; man empfand all die Schauer tiefer Er⸗ griffenheit, mit welcher die gewaltige Beredtſamkeit der Propheten, der Pſalmen, der Predigten Chriſti und ſeiner Jünger jeden tief empfindenden Menſchen erfüllen.“*)
Dieſe und andere über die Gymnaſien und die ihrer Pflege anvertrauten Studien in populärer Darſtellung nunmehr erſcheinenden Anerkennungen, von welchen ich nur noch Freitag's„Bilder aus der deutſchen Vergangenheit“, insbeſondere des 4. Bandes 7. Abſchnitt:„aus den Lehrjahren des deutſchen Bürgers“, weil allgemein zugänglich, hier anführen will, ſolche populäre Anerkennungen, ſag' ich, zeigen unzweideutig, daß jenen Lehranſtalten und Studien ihre Achtung ſelbſt in den weiteren Kreiſen nicht mehr verſagt wird, wie andererſeits ſelbſt der eifrige Freund der Gymnaſien die Berechtigung und ſegensreiche Wirkung der Realſchule anerkennen muß. Erwägen letztere noch, daß die Gymnaſial⸗Lehrer ebenſo in wandernden Verſammlungen wie in periodiſchen Zeitſchriften ſchon ſeit längerer Zeit gleich ſorgfältig ſich der Methode befleißigen; daß die von den Philologen neuerdings geſchaffene vergleichende Sprachwiſſenſchaft der tieferen Erkenntniß der neueren Sprachen ebenſo zu gute kömmt wie der der alten; daß das heutige Gymnaſium die neueren Sprachen, Mathematik und Naturwiſſenſchaft nicht mehr nebenbei ſondern als ordentliche Lehrgegenſtände be⸗ handelt; daß endlich in Folge dieſer allmählichen Anhäufung des Lernſtoffes bereits von erfahrenen Gymnaſial⸗Lehrern im Namen der allgemeinen Bildung in Prima der Fortfall des lateiniſchen Aufſatzes und des griechiſchen Scriptums verlangt wird:*) ſo iſt erlaubt zu hoffen, daß die bereits eingetretene Annäherung und Verſöhnlichkeit künftig zur engeren Verwandtſchaft und Freundſchaft fortſchreiten werde. Nur in Folge dieſer bereits eingetretenen Verſöhnlichkeit, beruhend auf allgemeiner Methode und gegenſeitiger Achtung, konnte ſeit längerer Zeit ſchon hier in Worms ein Gymnaſium und eine Realſchule unter einem Dache und einer Leitung beſtehen.— Wenn nun dieſe meine Worte zur weiteren Verbreitung dieſer Verſöhnlichkeit etwas beitragen ſollten: ſo bin ich für meinen guten Willen, ſo ſind Sie auch wohl für Ihre dankenswerthe Geduld hinlänglich belohnt.
Schon zu lange hab' ich Ihre Geduld, hochgeehrte Herrn und Collegen, in Anſpruch genommen, ich hab' es bereits bekannt; aber ich muß dieſelbe doch noch einmal in Anſpruch nehmen, diesmal aber ohne meine Schuld, nur in Erledigung eines mir vom Empfangs⸗Ausſchuſſe gewordenen Auf⸗ trags. Unſer heutiger Verſammlungstag iſt zugleich der Vorabend des 100jährigen Geburtstages des Ihnen allen wohlbekannten unſterblichen A. von Humboldt, deſſen Gedächtnißfeier durch einen beſonderen Vortrag von einem Fachmanne dieſer Verſammlung ich gewünſcht hätte, die aber in Folge des mir gewordenen Auftrags in entſprechender Kürze ich noch am Schluß meiner Be⸗ grüßung zu berühren habe. Ich füge mich dieſem Beſchluſſe meiner Herrn Collegen obwohl nicht ohne Beſorgniß, welchem bedenklichen Auftrage ich mich hiermit unterziehe. Aber dieſer in der ganzen gebildeten Welt gefeierte Tag durfte doch namentlich am Rheine und in dieſer Verſammlung nicht unerwähnt bleiben. War es nicht eine Excurſion nach dem Rheine und eine Unterſuchung über das Geſtein desſelben, worüber A. von Humboldt ſein erſtes gedrucktes Werk erſcheinen ließ? (Ueber den Baſalt am Rheine nebſt einer Unterſuchung über Syenit und Baſanit der Alten, Berlin
*) Wie auch das Studium der Mathematik, Naturwiſſenſchaft und Philoſophie durch die Studien der Alten ge⸗ weckt wurden, zeigen die Wormſer Progr. 1853 und 55..
**) S. des Herrn Oberlehrers Dr. Fahle ſehr leſenswerthe Abhandlung:„Haus und Schule“ in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik 1869, Heft 5, Abth. 2, S. 209— 245.


