Aufsatz 
Über die Bedingungen des Gedeihens und der Verträglichkeit eines Gymnasiums und einer Realschule in einem Lokale
Entstehung
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grammatiſchen Rüſtzeuge der Humaniſten eine der reichſten Quellen des modernen Lebens liege, welche ungetrübt offen zu halten auch eine unbeſtreitbare Aufgabe jeder Zeit ſei.Was im Zeitalter der Renaiſſance, heißt es dort,in einem Kampfe von 1 ½ Jahrhunderten obſiegte, das iſt heute unſer unentreißbares Eigenthum: die geſunde Freude am Diesſeits, der rege Sinn für das Schöne, für die Natur⸗ und Menſchenwelt, die Freiheit der Gewiſſen und der Forſchung, die Rückkehr der Kunſt zu ihren natürlichen Geſetzen, die Entfeſſelung des Einzelweſens und ſeiner Gaben nach jeder Rich⸗ tung: das Alles iſt damals dem Mittelalter und ſeiner Gebundenheit*) abgekämpft worden, und manches Herz iſt gebrochen, manches reiche Leben iſt geopfert worden, damit der Tag herauf⸗ geführt werde, in deſſen hellem Sonnenſchein wir leben. Nicht allzuviele werden im Einzelnen wiſſen, welche unſterbliche Verdienſte um die Belebung dieſes modernen Geiſtes die ſog. todten Sprachen des alten Hellas und Rom ſich erworben haben, deren Studium heut' zu Tage jeder Ge⸗ lehrte durchlaufen muß, und bei denen damals zuerſt die abendliche Menſchheit in die Schule ge⸗ gangen iſt. Und doch iſt es keine Phraſe, ſondern eine buchſtäblich richtige Thatſache: an den alten (vernünftig denkenden) Heiden, deren Sprache und Literatur im 14. und 15. Jahrhundert aus einer 700 jährigen Vergeſſenheit hervorgezogen worden iſt, hat der moderne Geiſt, der Kunſtgeſchmack, die Methode des Denkens und Wiſſens der modernen Welt ſich erzogen und emporgebildet; und für Alles, was wir mit Stolz die geiſtigen Errungenſchaften der Neuzeit nennen, war die Wieder⸗ belebung des klaſſiſchen Alterthums ein ebenſo epochemachendes Ereigniß, als für die geiſtige Vor⸗ ſtellung, von der Geſtalt der Erde die Entdeckung Amerika's. In der That känn von den Barken des Columbus, als der erſehnte Küſtenſtrich aus blauer Ferne hervortauchte, das jubelnde Land⸗Land! kaum ſtürmiſcher erklungen ſein als der begeiſterte Entdeckerruf, mit dem die Humaniſten die neue Welt im wiedererſtandenen Alterthume betraten.Das goldene Zeitalter iſt im Anzuge, ver⸗ ſichert der große Neuplatoniker und Ueberſetzer der Schriften Plato's in lat. Sprache, Ficinus. Unſere Väter wußten nicht, was Leben heißt, erſt wir genießen wieder wirkliches Leben, betheuert Hermolus Barbarus.Aus langem Schlafe erwacht die Welt und reckt die Glieder, die ein ſchwerer Traum gefangen hielt, ſagt Erasmus. Und der jugendliche Stürmer unter den Humaniſten, Ulrich von Hutten, der nie erfahren hat, was friedliches Leben heißt, ruft begeiſtert aus:O Jahrhundert, o Wiſſenſchaften! Welche Freude, in ſolcher Zeit zu leben!

Nicht ohne ſtillen Neid vernehmen wir, wie die Söhne dieſer Zeit ſich Glück wünſchen, von der Sonne ihrer großen Tage beſchienen zu werden, und wie ſie das goldene Zeitalter der Menſch⸗ heit, die ewige Sehnſucht der Dichter und Träumer, nicht ſuchen in einer fernen Vergangenheit, die niemand erlebt hat, ſondern in der eignen wolkenloſen Gegenwart. Liegt darin doch ein Nachbild jener Harmonie, die das antike Leben in ſeinen beſten Tagen ausgezeichnet hat und der modernen Welt ſo vollſtändig verloren gegangen zu ſein ſcheint.

In Ferrara ſtudierten damals J. von Dalberg(nachheriger Biſchof von Worms), Pleninger, Celtes und Agricola(welche bekanntlich jene Studien in die Rheingegend verpflanzten, Agricola namentlich nach Worms).**)

Auf die Zeit der ſclaviſchen Nachahmung kam die Zeit der Sättigung. Das Heidniſche(doch

*) Daher rührend, daß es ſich bewußt war, trotz mancher Kämpfe, ohne welche keine Zeit iſt, der europäiſchen Menſchheit eine relative Einheit und Ruhe gebracht zu haben, zu welcher ſie trotz der großen Fortſchritte in den letzten drei Jahrhunderten nach einer unparteiiſchen und competenten Stimme nicht mehr gekommen iſt. S. Histoire des doctrines morales et politiques des trois derniers siècles par M. J. Matter, Paris 1836. Und was iſt der Grund dieſer auffallenden Erſcheinung? Matter gibt hierauf die Antwort: Keiner der großen Fortſchritte(progrès) war rein(pur). Au bout d'un progrès impur est toujours une révolution sociale, ſagt er B. I, S. 7.

**) Ueber Dalberg's und Agricola's desf. Verdienſte ſ. die Wormſer Gymnaſial⸗Programme von 1847 und 1866.