Aufsatz 
Über die Bedingungen des Gedeihens und der Verträglichkeit eines Gymnasiums und einer Realschule in einem Lokale
Entstehung
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bereiten will; der beſonnene Freund der Gymnaſien weiß ferner, daß die Realſchule, deren Name, wie vorhin bemerkt ward, bloß aus einem temporellen Gegenſatz entſtand, das in ihren Geburts⸗ nöthen mitunter anklebende ſogen. Utilitäts⸗Syſtem ſchon lange nicht mehr auf ihre Fahne ſchreibt, ſondern nach dem beiden Parteien gemeinſamen Spruch: non scholae, sed vitae discendum, auch die Humanität ihrer Jugend wenn auch an andern Lehrgegenſtänden in der Ueberzeugung erſtrebt, daß die humane Bildung der Jugend nicht ſowohl durch den Unterrichtsgegenſtand, als durch die rechte Methode des Unterrichts beſtimmt iſt; er läßt weiter nicht unerwogen, daß die Realſchulen ſich nicht mehr gegen die alten Sprachen ganz abſchließen, daß ſie vielmehr wenn nicht beide, doch die für das Offenhalten der traditionellen Menſchen⸗Cultur wichtigere, die lateiniſche, welche bei der allgemeinen Realſchulmänner⸗Verſammlung zu Mainz im Jahre 1846 faſt noch einſtimmig ge⸗ ſtrichen wurde, nunmehr unter ihre Lehrgegenſtände wenigſtens zur freien Wahl aufgenommen haben, daß endlich die Realſchulen durch ihr Verbreiten der modernen Sprachen ſowie der erſtaunlichen ſeit dem 16. Jahrhundert geſchehenen Fortſchritte in Mathematik und Naturwiſſenſchaft,(welche nicht mehr, wie dies bis zum 13. Jahrhundert geſchah, von geiſtlichen oder weltlichen Lehrern nebenbei, gepflegt und gelehrt werden können) wenn auch nicht zu einer deutſchen Nationalbildung(denn dieſe wird auch in der Realſchule eine eklektiſche bleiben) doch zur materiellen wie geiſtigen Hebung der Nation ſowie zu einer Achtung gebietenden Stellung derſelben nach außen fleißig ihre Steine getragen hat und immer mehr noch zu tragen mit erneuertem Eifer fortfährt.

Zur Zeit des hitzigſten Kampfes rief andererſeits der eifrige Realſchulmann ſeinem Gegner im Sinne der bekannten Worte Schillers zu:Wir, wir leben, unſer ſind die Stunden, und der Lebende hat Recht. Dagegen überſieht der heutige Realſchulmann nicht mehr desſelben Schillers Worte, in welchen er die großen Errungenſchaften hervorhebt, welche die lebende Welt den Studien der ſogen. todten Sprachen zu verdanken hat:

Vertrieben von Barbarenheeren,

Entriſſet ihr den letzten Opferbrand

Des Orients geheiligten Altären,

Und brachtet ihn dem Abendland.

Da ſtieg der ſchöne Frühling aus dem Oſten, Der junge Tag im Weſten neu empor,

Und auf Hesperiens Gefilden ſproßten Verjüngte Blüthen Joniens hervor.

Die ſchönere Natur warf in die Seelen Sanft ſpiegelnd einen ſchönen Wiederſchein, Und prangend zog in die geſchmückten Seelen Des Lichtes große Göttin ein.

Da ſah man Millionen Ketten fallen,

Und über Sclaven ſprach jetzt Menſchenrecht.

Aber nicht nur der begeiſterte Sänger des Gedichtesdie Götter Griechenlands und des Be⸗ wunderers dergriechiſchen Schönheit undrömiſchen Kraft in der Vergangenheit, nein auch eine Stimme nicht aus der gelehrten ſondern aus der allgemein gebildeten Welt der Gegenwart brachte voriges Jahr gelegentlich der Anzeige der franzöſiſchen Biographie einer gelehrten Dame aus dem 16. Jahrhundert*) auf eine überraſchende Weiſe und zwar in einem Unterhaltungsblatte den weiteren Kreiſen der Mitwelt in Erinnerung, wie hinter dem trocken ſcheinenden und unbeliebten

*) Vie d'Olympia Morata, 2. ed. Paris 1851, deutſch von Marſchmann, Hamburg. Dieſe Olympia, geb. zu Ferrara 1526, geſt. 1555 zu Heidelberg, Ehegattin des Arztes Andr. Grundler aus Schweinfurt, war nach der Sitte jener Zeit eine ausgezeichnete Philologin.