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für ſich oder ein gewiſſes ewig unveränderliches Urbild der Schönheit an und für ſich annimmt, wohl aber nach der gemeinen Herkömmlichkeit an eine Mannigfaltig⸗ keit von einzelen ſchönen Gegenſtänden glaubt, an jenen Schauluſtigen, der nur ſchauluſtig mit den Augen iſt und mit Händen und Füßen ſich wehrt, wenn jemand behauptet, es gebe nur eine ideelle Einheit von Schönheit, von Gerechtigkeit und von andrem desgleichen*). Gibt es denn nämlich, mein Beſter, alſo wollen wir ihn anreden, eben von jenen mannigfaltigen ſchönen, gerechten und heiligen Erſcheinungen irgend eine, welche nicht einmal häßlich, ungerecht und unheilig erſcheinen kann?— Nein, es gibt keine, ſondern nothwendig müſſen mannigfaltige ſchöne Gegenſtände irgend einmal auch häßlich erſcheinen, und ſo geht es mit allen, welche du in deiner Frage aufführteſt.— Weiter! Können die als mannigfaltige erſcheinenden doppelten Gegenſtände eben ſo gut wieder wie halbe erſcheinen als wie doppelte?— Eben ſo gut.— Ferner große und kleine, leichte und ſchwere Gegenſtände, können die nicht eben ſo die entgegengeſetzten Namen führen, welche wir ihnen eben beigelegt haben?— Ja, denn immer wird jeder davon nach Umſtänden beide führen können.— Iſt demnach nicht jede dieſer mannigfaltigen Erſcheinungen eben ſo gut das, was ſie nicht iſt, als das, wofür ſie jemand erklärt.— Ja, ſie ſcheinen den doppelſinnigen Witzen bei der Tafel und dem Kinderräthſel vom Ver⸗ ſchnittenen bei ſeinem Wurfe nach der Fledermaus zu gleichen, bei welchem man errathen muß, mit was und auf was er ſie geworfen habe.**) Denn auch die vorhin genannten Dinge ſind doppelſinnig, und es läßt ſich von keinem derſelben ein beſtimmter Gedanke faſſen, weder daß es iſt noch daß es nicht iſt, weder daß es Sein und zugleich Nichtſein iſt noch daß es keines von beiden iſt. Weißt du folglich ſonſt etwas damit anzufangen oder einen ſchicklicheren Platz für ſie zu finden, als in der Mitte zwiſchen dem Sein und Nichtſein? Denn ſie können ja weder dunkler als das Nichtſein erſcheinen, ſo daß ſie ein Nichtſein in höherem Grade wären, noch klarer als das Sein, ſo daß ſie ein Sein in höherem Grade wären.— Lauter Wahrheiten.— Wir haben ſomit, wie es ſicher aus unſrer Erörterung ſich ergibt, die Gewißheit gefunden, daß die von dem großen Publikum herkömmlich geglaubten Mannigfaltigkeiten von Schön und andren Be⸗ griffen ihre Sphäre in der Mitte zwiſchen Sein und Nichtſein haben.— Ja, die
*) Der Dialog Jon ſcheint aus dem hier angedeuteten Geſichtspuncte ſeine Bedeutung zu gewinnen. Vrgl. meine Abh.:„Ueber den Zweck, welchen P. bei Abfaſſung ſeines Dialoges Jon vor Augen hatte“, in der Darmſt. Allg. Schulz. 1828, No. 156 u. 57.
**) Nach dem Scholiaſten lautet das Räthſel: Ein Menſch und auch nicht Menſch, aber doch ein Menſch, hat mich Vogel und auch nicht Vogel, der ich auf einem Holze und nicht Holze ſaß, mit einem Steine und auch nicht Steine zu Tode geworfen. Die Löſung iſt: Ein Eunuch warf eine Fledermaus auf einem Strauche mit einem Bimſteine zu Tode.


