Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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haben wir gefunden. Vorher aber waren wir doch ſchon einverſtanden, daß, wenn etwas der Art ſich herausſtellen würde, dies Meinbares oder Objekt der Meinung aber nicht Einſehbares oder Objekt der wiſſenſchaftlichen Einſicht genannt werden müſſe, da das in der Mitte zwiſchen Sein und Nichtſein befindliche Objekt von der in der Mitte zwiſchen Wiſſenſchaft und Nichtwiſſen liegenden Seelen⸗Thätigkeit auf⸗ gefaßt wird. Ja das waren wir. Von denmjenigen Menſchen alſo, welche nur die mannigfaltigen ſchönen Gegenſtände ſinnlich ſchauen, für das ewige Urbild der⸗ ſelben aber keinen Sinn haben, noch auch einem andren, der ſie dazu geleiten will, folgen können, welche ferner zwar für mannigfaltige gerechte Handlungen, aber nicht für das Urbild oder die Idee der Gerechtigkeit und ſo in allen ähnlichen Be⸗ ziehungen eine Faſſungskraft haben, werden wir behaupten dürfen, daß ſie lauter Meinungen haben, aber über keines von den Objekten, über welche ſie meinen, eine wiſſenſchaftliche Einſicht haben. Logiſch nothwendig. Was dürfen wir aber andrerſeits von denen behaupten, welche die ewig ſich gleich bleibenden Urbilder aller Dinge ſchauen können? Nicht, daß ſie wiſſenſchaftliche Ein⸗ ſicht und keine muthmaßliche Meinung haben? Cbenfalls logiſch noth⸗ wendig. Nicht wahr, wir geben auch zu, daß letztere nur Luſt und Liebe zu den Objekten haben, für welche es eine wiſſenſchaftliche Einſicht gibt,(480) erſtere aber nur zu denjenigen, für welche es nur eine Meinung gibt? Oder erinnern wir uns nicht unſerer früheren Behauptung, die Meinenden liebten und begafften nur ſchöne Töne, ſchöne Farben und dergleichen ſinnlich wahrnehmbare Dinge, dem Schönen an und für ſich oder dem ewigen Urbilde davon geſtänden ſie nicht einmal irgend eine Exiſtenz zu? Wir erinnern uns noch. Werden wir etwa nun einen Fehlgriff thun, wenn wir jene eher Meinungsfreunde als Weis⸗ heitsfreunde nennen, und werden ſie darum uns arg zürnen können, wenn wir ſie ſo bezeichnen? Sie werden das nicht thun, wenigſtens wenn ſie mir folgen; denn der Wahrheit zu zürnen iſt vor Gott nicht erlaubt. Die alſo, welche überall am reinen Weſenhaften der Dinge ihre Freude haben, muß man Weisheitsfreunde nicht aber Meikungsfreunde nennen. Ja das einmal gewiß.