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verſuche nun den Ungläubigen die Richtigkeit deiner Behauptung logiſch zu begründen. — Da muß ich denn den Verſuch machen, zumal da du einen ſo wichtigen Beiſtand anbieteſt! Wenn wir nun den Stürmern, vor welchen du mir bange machſt, entgehen wollen: ſo finde ich es denn vor allem unbedingt nothwendig, daß wir ihnen die nähere Begriffbeſtimmung entgegenſtellen, was wir unter den Freunden der Weisheit oder Philoſophen verſtehen, von denen wir zu behaupten wagen, daß ſie die Regenten des Staates werden müßten; erſt nach Vorausſchickung einer deutlichen Erklärung über ſie wird eine Vertheidigung durch die Nachweiſung möglich ſein, daß es nur einem Theile der Menſchen vermöge der angeborenen Geiſtesanlage zukomme, ſich mit dem Studium der Weis⸗ heit oder Philoſophie zu befaſſen und die Lenker des Staates zu werden, während den übrigen es beſtimmt iſt, ſich mit ihr nicht abzugeben und dem regierenden Stande zu gehorchen.— Zu dieſer Begriffsbeſtimmung iſt es jetzt wohl Zeit.— So komm' denn und folge mir auf dieſem Pfade, ob wir auf irgend eine Weiſe dazu eine gehörige Anleitung geben können.— Nur zu!— Da werd' ich dich denn vorerſt daran erinnern müſſen, oder erinnerſt du dich ſelbſt, daß, wenn wir von jemand ſagen, er liebe etwas, er dann zeigen müſſe, daß er, falls man dieſen Aus⸗ druck mit Recht gebraucht, nicht einen Theil davon den andren aber nicht lieben darf, ſondern daß er das Ganze hoch und theuer lieben muß.—
19. Ich glaube, du virſt auch ein wenig daran erinnern müſſen; denn ich verſtehe nicht ganz dieſen Satz.— Einem andren Mann, lieber Glauco, würde es man wohl verzeihen können, ſich mit ſolchen Worten zu entſchuldigen; aber für einen in der Liebe zu ſchönen Geſtalten erfahrenen Mann geziemt es ſich nicht, ſich nicht daran zu erinnern, daß alle ſchönen Kinder in der Blüthe ihres Lebens den Freund und Kenner einer ſchönen Jugendgeſtalt reizen und begeiſtern, indem jedes der Auf⸗ merkſamkeit und Herzigung würdig ſcheint. Oder verfahret ihr nicht ſo bei den ſchönen Geſtalten? Die eine, weil ſie ein Stumpfnäschen hat, wird liebreizend genannt und als ſolches geprieſen; die Adlernaſe einer andren erklärt ihr für etwas Königliches; von der Geſtalt, welche zwiſchen beiden Naſen die Mitte hält, heißt es, ſie ſei die regelmäßigſte; von dem dunkeln Teint heißt es, er habe ein männ⸗ liches Anſehen, von dem bleichen, es ſei ein Engelsgeſicht; endlich kann der Aus⸗ druck honiggelb ſeine Erfindung keinem andren verdanken als einem Liebhaber des Schönen, der dieſen Fehler zu beſchönigen ſuchte und leicht die Gelbheit ſich gefallen ließ, falls ſich ſich nur an einer ſchönen Jugendgeſtalt befand? Kurz, ihr ergreift alle Vorwände(475) und verſchwendet alle Schmeichelnamen, um keine der blühenden Jugendgeſtalten verſchmähen zu brauchen.— Wenn es dir an dem Beiſpiel meiner Perſon zu zeigen beliebt, daß die Liebhaber des Schönen ſo ver⸗ fahren: ſo will ich es zur Förderung der Unterſuchung einräumen.— Iſt es nicht


