Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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Nein bei Gott, ich würde ihn darum nicht für minder tüchtig halten. Und nun der Schluß hieraus? Haben nicht auch wir, alſo raiſonniren wir weiter, nur in der Theorie das Ideal eines vollkommenen Staates aufgeſtellt? Ganz wahr. Kannſt du folglich glauben, daß unſere Theorie deswegen minder wahr iſt, wenn wir nicht im Stande wären nachzuweiſen, wie es in der Wirklichkeit möglich wäre, nach jener Theorie einen Staat einzurichten?*) Nein doch. Der wahre Staat iſt alſo ein für alle Mal der von uns dargeſtellte; wenn ich aber nun dir zu Gefallen auch zur Nachweiſung bereit ſein ſoll, wie und durch welches Organ er am cheſten wirklich möglich werden könnte: ſo mußt du mir zu dieſer Nachweiſung zuvor dieſelben Zugeſtändniſſe machen. Welche denn? Iſt es denn möglich,(473) daß etwas in der Praxis gerade ſo verwirklicht erſcheinen kann, wie es in der Theorie erſcheint, oder iſt es begründet in der ganzen Ordnung der Schöpfung, daß die Wirklichkeit weniger Realität hat als die Theorie, wenn es auch mancher in dieſelbe Uneingeweihte nicht glauben ſollte, und ſtimmſt denn du nun dieſer letzteren Anſicht bei oder nicht? Ich ſtimme ihr bei. Darum darfſt du mir auch nicht die Zumuthung machen, alle die von uns theoretiſch richtig dargeſtellten Staatseinrichtungen auch in der Praxis verwirklicht darſtellen zu ſollen; im Gegentheil, wenn wir nur im Stande geweſen ſein werden, ein Mittel auf⸗ zufinden, wie ein Staat nur annähernd nach unſeren theoretiſch aufgeſtellten Anordnungen eingerichtet werden könne: ſo mußt du dann denken, wir hätten die Möglichkeit der Verwirklichung der Staatseinrichtungen gefunden, welche du mir hier zur Aufgabe machſt. Würdeſt du zufrieden ſein, wenn du ein ſolches Refultat erlangſt? Ich einmal würde damit ſicherlich zufrieden ſein. Ich dann auch. 18. Nach dieſer Vorbemerkung müſſen wir natürlich nun zu erforſchen und nachzuweiſen ſuchen, welches denn heut' zu Tage in den Staaten die ſchlechte Ein⸗ richtung iſt, wegen welcher ſie nicht wie der von uns aufgeſtellte Staat vernünftig verwaltet werden, und durch welche kleine Veränderung ein Staat zu einer ähnlichen Art von Verfaſſung gelangen könnte, am liebſten durch die Bekehrung nur einer Perſon, wo nicht, zweier, bei der Unmöglichkeit auch dieſes Falls, durch die der bisher an Zahl ſehr wenigen und an politiſcher Wirkſamkeit ſehr ſchwachen Perſonen**)

) Herr Prof. Zeller bemerkt in ſeiner oben genannten SchriftDer plat. Staat in ſeiner Be⸗ deutung für die Folgezeit: Jedes wahrhafte und geſchichtlich berechtigte Ideal iſt nothwendig eine Weisſagung, und eben das iſt es, was den Idealiſten vom Phantaſten unterſcheidet.

**) Allen früheren Ueberſetzungen dieſer Stelle iſt kein Sinn zu entnehmen und die Ausleger gehen über ſie weg. Der Schlüſſel zu ihrem Verſtändniſſe ſcheint mir theils in den Stellen B. VI, p. 499 b. u. VII, 540 d., theils in der politiſchen Bedeutung des Wortes Hylaſten zu liegen(ſ. Wachs⸗ muth's H. A. I. 2, S. 102 u. 146), welches die Herrſcher⸗Familien bezeichnet, die in dieſem Kap. ſowohl als auch an den citierten Stellen des B. VI u. VII und beſonders im Gorigias p. 526 b. von den monarchiſchen Königen und Tyrannen ſtreng geſchieden werden. Demnach verſtehe ich unter der Bekehrungdes Einen die eines Monarchen oder(nach VI, p. 499 b.) ſeines Kron⸗