Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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gemacht, ohne bei meinem bisherigen Feldzuge*) mir etwas durch die Finger zu ſehen. Du haſt vielleicht gar keine Vorſtellung davon, wie du mir, der ich kaum noch der zweiten**) Woge entſchwommen bin, nun die größte und ſchwierigſte der ganzen Fluth auf den Hals bringſt; haſt du dieſe aber einmal mit Aug' und Ohr erſt recht wahrgenommen: ſo wirſt du mir wohl vergeben und eingeſtehen, ich hätte ganz natürlich gezögert und Bedenken getragen, eine der Anſicht der großen Menge widerſprechende Staatslehre zu äußern und ihre wiſſenſchaftliche Begründung zu verſuchen. Aber je mehr Ausreden der Art du machſt, deſto weniger wirſt du dich von der Nachweiſung der Möglichkeit jener idealen Staatsverfaſſung ent⸗ ziehen; drum endlich einmal heraus damit und nicht länger mehr gezögert!

Nun denn, ſo müſſen wir alſo zu dieſem Zwecke uns erſt daran erinnern, daß wir in Folge der Forſchung nach dem Weſen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit hierher gelangt ſind. Nun ja, aber gehört denn dieſe Erinnerung zur Sache? Gar nicht; aber werden wir nach Auffindung des Weſens der Gerechtigkeit von dem gerechten einzelen Menſchen verlangen können, daß dieſer in gar nichts von jener verſchieden ſein dürfe, ſondern ganz und gar die leibhaftige Idee der Gerech⸗ tigkeit ſein müſſe? Oder wollen wir uns damit begnügen, wenn er ihr nur mög⸗ lichſt nahe kömmt und nur die meiſten Merkmale derſelben an ſich trägt? Mit dem letzteren Falle wollen wir zufrieden ſein. Alſo nur eines Ideals wegen ſuchten wir einerſeits das Weſen der Gerechtigkeit und das Weſen des göttlich voll⸗ kommenen einzelen Menſchen ſowie deſſen Beſchaffenheit, andrerſeits auch das Weſen der Ungerechtigkeit und des ungerechten Individuums, und zwar in der Abſicht, daß wir auf jene zwei Individuen den Blick unſres Urtheils werfen und augen⸗ ſcheinlich ſehen könnten, wie es bei ihnen in Bezug auf Glückſeligkeit und das Ge⸗ gentheil ausſehen würde, um ſodann logiſch nothwendig auch in Bezug auf uns ſelbſt einräumen zu müſſen, daß der einem jener Individuen Aehnlichſte auch alle, Mal das ähnlichſte Loos habe, nicht aber in dieſer Abſicht, daß wir das Vor⸗ kommen jener idealen Individuen als wirklich nachweiſen. So weit einmal iſt dein Raiſonnement der Wahrheit gemäß. Würdeſt du denn glauben, um dieſelbe Wahrheit auch noch mit einem Gleichniß zu beſtätigen, daß derjenige ein minder tüchtiger Maler ſei, welcher nach Darſtellung des Ideals von einer ſchönen Menſchen⸗ geſtalt und nach allen erforderlichen Leiſtungen an dem Gemälde hernach nicht nach⸗ weiſen könnte, daß lalch Menſchengeſtalt auch in der Wirklichkeit vorhanden it,

.) Ich folge hier der von Handſchrif ſten beglaubigten und dem ſoerntiſchen Humor ſehr eübregm⸗ den Lesart. Bekker' s, welche in meiner Aehrenleſe gerechtfertigt iſt.. **) Die erſte betraf die Unterſuchung über die den drei Ständen des Staates miſpergendmn Beſtandtheile der menſchlichen Seele, die:welte die Gemeinſchaft der Frauen und Kinder. Vrgl. B. IV, K. 16 und V, 4 u. 7. 7 e 11 4 92(***