Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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ja meiſten Theils ihnen befreundet iſt; ſondern ſie werden den Streit nur ſo weit treiben, bis die Schuldigen von den leidenden Unſchuldigen gezwungen werden, Genugthuung zu leiſten. Ich einmal ſtimme dir ganz bei, daß die Bürger unſeres Staates auf die angegebene Weiſe ihre Gegner behandeln ſollen; die Ausländer aber ſollen ſie behandeln, wie die Griechen heut' zu Tage gegen einander verfahren*). Wollen wir demnach auch dieſe geſetzliche Verordnung für die Wächter unſeres Staates aufſtellen, daß weder ſie ein Land verheeren noch Wohnungen anzünden? Ja, das wollen wir und dabei erklären, daß dieſe ſowohl als auch die vorigen wahrhaft begründet ſind.

17. Aber, o Socrates, wenn man dich ſo fort Verordnungen machen ließe: ſo würdeſt du dich wohl nicht mehr der Beantwortung der Frage erinnern, nach deren Verſchiebung**) du alle dieſe Kriegsverordnungen vorgetragen haſt, nämlich der Frage, ob dieſe deine Staatsverfaſſung verwirklicht werden und wie ſie verwirklicht werden kann. Denn daß alle dieſe Einrichtungen, wenn ſie einmal ver⸗ wirklicht wären, für den Staat, in welchem ſie es würden, alle möglichen Vortheile bringen würden, das räume ich ſchon ein, ja ich will noch die von dir übergangenen Vortheile hinzufügen: daß nämlich darum unſre Bürger ſich am beſten im Kriege ſchlagen und am wenigſten ſich einander im Stiche laſſen werden, weil ſie als Brüder, Väter, Söhne ſich einander anerkennen und mit dieſen Namen ſich zurufen werden; ferner, zieht das Frauengeſchlecht mit in die Schlacht, ſei es in Reih' und Glied oder im Rücken aufgeſtellt, theils zur Einſchüchterung des Feindes theils zur Hilfeleiſtung im Nothfall: ſo ſind gewiß unſere Krieger durch dieſe ganze Ein⸗ richtung unüberwindbar***); weiter entgehen mir auch nicht die von dir übergangenen Vortheile im Frieden. Nimm alſo nur an, als hätte ich zugegeben, daß alle dieſe und noch viele tauſend andre Vortheile aus dieſer Staatsverfaſſung entſpringen würden, wenn ſie in die Wirklichkeit treten würde, und verliere hierüber nun kein Wort mehr; ſondern laß uns jetzt nur noch über dieſen Hauptgrund uns überzeugen, daß ſie auch möglich und wie ſie möglich iſt. Alle übrigen einzelen Verordnungen wollen wir auf ſich beruhen laſſen.(172) Da haſt du ja urplötzlich einen Sturm auf meinen Vortrag über die Verhältniſſe im Kriege

*) Dieſe ewigen politiſchen Streitigkeiten der verſchiedenen griech. Staaten unter ſich und in ſich beſtimmten wohl vorzugsweiſe den friedliebenden Plato, daß er nie ein öffentliches Amt annahm. Deshalb war er aber kein ſchlechter Bürger, wie Niebuhr ihn einmal angeklagt hat, wogegen ihn Delbrück in ſeiner Schrift: Vertheidigung Plato's gegen einen Angriff auf ſeine Bürgertugend, Bonn 1828, und ich in meiner Anzeige dieſer Schrift in Seebode's Krit. Bibl. 1859, No. 35 u. 36, vertheidigt haben.

**½) S. K. 14.

***) Wie die alten Deuiſchen. S. Taciti Germ. 7.

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