Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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Griechenland während eines ſolchen Augenblickes ſich in einer krankhaften Leidenſchaft befinde und entzweie, und daß daher einer ſolchen Feindſchaft der Name Zwiſt gegeben werden müſſe. Ich für meinen Theil bin der Einführung dieſer Ver⸗ ordnung nicht entgegen. Nun zu etwas Weiterem: wo immer ein ſolcher Z wiſt, wie wir jetzt ihn nach unſerer Verſtändigung nennen, ausbricht und in einem Staate ſich Bürger gegen Bürger ſtellen, falls beide Parteien dabei ſich die Felder verwüſten und die Wohnungen anzünden: da kannſt du nun nach jener Wortverſtändigung erwägen, wie ſolcher Zwiſt eine himmelſchreiende Sünde iſt, und daß keine der Parteien auf den Ruhm der Vaterlandsliebe Anſpruch machen kann; denn ſonſt würden ſie nicht ihrer gemeinſamen Ernährerin und Mutter die Schur anthun; andrerſeits ermeſſen, wie für die Sieger in ſolchem Falle das rechte Maß von Feindſeligkeit wohl nur darin liegt, die Ernten der Beſiegten ſich anzueignen und dabei zu bedenken, daß ſie ſich mit dieſen wieder ausſöhnen und nicht immer mit ihnen im Kriegszuſtande ſein würden. Die letztgenannte Denkart iſt freilich humaneren Männern mehr eigen als jene. Aber wohlan gib mir nun nach dieſen Zugeſtändniſſen weiter Antwort: ſoll der von dir aufgebaute ideale Staat kein griechiſcher ſein?*) Freilich muß er das ſein. Nicht wahr, darum werden ſeine Bürger auch gutartig und human ſein? Gewiß im höchſten Grade. Nicht auch Freunde des Griechenthums? Nicht auch Griechenland als eine Verwandtſchaft anſehen? Nicht auch dieſelbe Religion haben? Mit dem größten Eifer. Werden ſie folglich einen Streit mit den Griechen(471) als mit ihren Verwandten nur für einen Zwiſt anſehen und nicht einen Krieg nennen? Das letztere gewiß nicht. Alſo auch nur ſo ſich entzw eien, als wenn ſie ſich wieder ausſöhnen würden? Das gewiß. Nur wohlwollend werden ſie demnach ihre Gegner zur Ordnung zurückbringen, ohne bei ihrer Beſtrafung Knecht⸗ ſchaft oder Vertilgung zu beabſichtigen, nur als Retter der Ordnung nicht als Barbaren. Ja, ſo werden ſie verfahren. Demnach werden ſie als Griechen auch nicht den griechiſchen Boden verheeren, keine Häuſer anzünden, noch alle Menſchen einer ſtaatlichen Geſellſchaft, Männer wie Weiber und Kinder, als Feinde gegen ſie gelten laſſen, ſondern nur die Urheber des Zwiſtes als Feinde erklären, deren es immer wenige gibt. Und aus allen dieſen Gründen werden ſie weder das Land jener Staatsgeſellſchaft verheeren noch ihre Häuſer zerſtören wollen, da ſie

*) Hieraus erhellt beſonders, daß Plato, wie ſchon Schleiermacher bemerkt hat, bei allen hohen Ideen immer Grieche blieb und all ſein Denken auf ſein Vaterland bezog. Dadurch unterſcheidet ſich ſeine Philoſophie von den leeren Abſtractionen anderer Philoſophen und darin liegt auch das ſ. g. Unpractiſche mancher ſeiner Ideen. Was für Griechenland und die damalige Zeit wohl noch verhält⸗ nißmäßig gut war, das kann es nicht immer ſein für andere Länder und Zeiten. Vrgl. meine Ein⸗ leitung in Plato's Gottesſtaat, S. 21.