Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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vorhin genannten Tugenden ſind, die ſich einander ſchimpfen und verſpotten, die ſchmutzige Reden führen im Rauſche(396) oder in der Nüchternheit, oder wie das ſonſtige Sündenleben heißt, wie es Leute von dieſem Schlage gegen ſich ſowohl als auch gegen andere in Wort und That treiben; ich denke aber, daß auch unſere Zöglinge nicht gewöhnt werden dürfen, Wahnſinnige nachzubilden; kennen freilich müſſen ſie auch Wahnſinnige ſowie ſchlechte Männer und Weiber, nichts aber von dieſen thun oder nachahmen= Lauter Wahrheiten. Weiter! Sollen ſie Schmiede oder ſonſtige Handwerker, oder Schiffsruderer oder deren Aufſeher, oder überhaupt ein Geſchäft dieſer Art nachahmen? Und wie möglich, da ihnen ja doch nicht einmal Acht auf etwas dieſer Dinge zu haben erlaubt ſein wird! Ferner, das Wiehern eines Pferdes, das Brüllen eines Stieres, das Rauſchen eines Fluſſes, das Brauſen des Meeres, das Donnern des Himmels und überhaupt alle dergleichen Laute andrerſeits aus dem Gebiete der Natur, ſollen ſie dieſe nachahmen? Aber es iſt ihnen ja bereits unterſagt, weder zu toben noch Tobenden ſich ähn⸗ lich zu machen. Wenn ich demnach deine Anſichten hierüber recht begreife, ſo gibt es eine beſtimmte Form der ſprachlichen Ausdrucks⸗ und Erzählungsweiſe, in welcher nur der moraliſch edle Mann erzählt, wie oft er etwas vortragen muß; und ebenſo andrerſeits eine andere jener unähnliche Form, welche der jenem an Naturgabe und Erziehung entgegengeſetzte Menſch im Munde führt und in der Erzählung gebraucht. Von welcher Art ſind denn dieſe? Der ordent⸗ liche Mann einerſeits wird, wie es mir ſcheint, wenn er in der Darſtellung ſeiner Erzählung auf die Sprech⸗ oder Handlungsweiſe eines braven Mannes gekommen iſt, dieſe als ſeine eigene Rolle gar gerne vortragen und ſich nicht vor einer ſolchen Nachahmung ſchämen, zumal wenn er den braven Mann in einer characterfeſten und verſtändigen Handlung nachzuahmen hat, minder gern aber und weniger, wenn jener brave Mann entweder aus Krankheit oder Liebespein oder in einem Rauſche oder bei ſonſt einem Mißgeſchicke einmal moraliſch ſtrauchelt; wenn er aber in der Erzählung auf einen ſeiner unwürdigen Menſchen geräth, ſo wird er im Ernſte ſich keinem Schlechteren ähnlich machen wollen, wenn nicht auf kurze Zeit in dem Falle, wann derſelbe etwas Rechtſchaffenes thut, ſondern wird ſich davor ſchämen, theils weil er im Nachahmen ſolcher Charactere ungeübt iſt, theils weil es ſeinen Unwillen erregt, ſich nach den Characteren ſchlechterer Menſchen zu formen und hineinzuver⸗ ſetzen, indem er dies, es ſei denn des Scherzes wegen, nach ſeiner Denkart für eine Schmach hält. Ja natürlich.

9. Nicht wahr, demnach wird er ſich einer Erzählungsweiſe bedienen, wie wir ſie vorhin an den Verſen des Homer gezeigt haben, und die Form ſeines Vortrages wird die Mitte zwiſchen beiden halten, zwiſchen der Nachahmung und einfachen Er⸗ zählung, aber von der Nachahmung nur ein klein Wenig bei einem langen Vortrage,