Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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oder iſt nichts dran, was ich hier ſage? Ja wohl, wenigſtens in Bezug darauf, wie die Ausdrucksform eines ſolchen Redners nothwendig ſein muß. Nicht wahr, andrerſeits wird der nicht brave Mann(397), je ſchlechter er iſt, um ſo mehr alle möglichen Verhältniſſe nachahmen und gar nichts ſeiner unwürdig halten? Daher wird er ernſtlich und vor zahlreicher Geſellſchaft alles Mögliche nachzuahmen ſuchen und zwar nicht nur die eben genannten Naturlaute, wie Donnern, Winde⸗ und Hagel⸗Geräuſch, Achſen⸗, Räder⸗, Flöten⸗, Pfeifen⸗ und überhaupt aller Inſtrumente Getön, ſondern auch noch Stimmen von Hunden, Schafen und Vögeln; und ſo wird die ganze Vortragsweiſe eines ſolchen Menſchen ganz mittels Nachahmung geſchehen durch Stimme und Gebärden, oder nur ein klein Wenig von der einfachen Erzählung haben. Logiſch nothwendig iſt auch dies. Das ſind alſo die beiden Arten der Vortragsweiſe, welche ich meinte. Ja freilich das ſind ſie. Nicht wahr, die eine von ihnen hat nur eine geringe Mannigfaltigkeit des Vortrages, und wenn jemand dieſer Vortragsweiſe die angemeſſene Melodie und einen angemeſſenen Tact von Wohlklang*) gibt: ſo wird der verſtändige Redner faſt immer nach ihr reden können, und zwar in einerlei Tonart, denn bei ihr gibt es ja nur geringe Tonveränderungen**); und natürlich auch in einem jener ähnlichen Tacte. Ja ſicher ſo ſteht es mit der einen Art. Aber wie ſteht es nun mit der andren Art, der davon verſchiedenen Vortragsweiſe? Hat dieſe nicht die entgegengeſetzten Dinge nöthig: alle möglichen Tonarten, alle mögliche Tacte, wenn der Vortrag nach der charactriſtiſchen Eigenthümlichkeit der Perſonen geſchehen ſoll, eben weil ſie ſo mannigfaltige Formen von Tonart⸗ und Tact⸗Veränderungen mit ſich bringt? Ja ganz ſicherlich ſteht es mit dieſer andren Art ſo. Gerathen nun nicht die Dichter und überhaupt die, welche etwas vortragen entweder auf die eine Form der Vor⸗ tragsweiſe, oder auf die andre davon ganz verſchiedene, oder auf eine von beiden gemiſchte? Nothwendig. Was ſollen wir nun thun? fragte ich hier; wollen wir in unſeren Staat alle aufnehmen, oder die eine von den ungemiſchten, oder die gemiſchte? Wenn meine Stimme ſiegt, diejenige unvermiſchte, welche eine Nachahmerin der Ordnung oder Rechtſchaffenheit iſt. Aber, mein lieber Adimantus, angenehm iſt doch auch die gemiſchte, am allerangenehmſten aber für Knaben und Knabenwärter ſowie für den großen Haufen die der von dir vorgezogenen entgegen⸗ geſetzte Form***). Ja denen am allerangenehmſten. Aber wahrſcheinlich wirſt

*) In der ſangreichen Sprache der Griechen herrſchte durch und durch das Muſikaliſche nicht nur in der Poeſie ſondern auch in der Proſa, weil ſie ſchon in ihrer Wiege Pſangreich war. Des⸗ halb ſprachen die Rhetoriker eben ſo von Tonart und Tact, wie die Muſiker. Vrgl. Erneſti's lexicon technologicum graecorum Rhetor. unter d. W. harmonia und rhythmus. Der oratoriſche Rhythmus war zwar von dem poetiſchen verſchieden, aber nur qualitativ. Vrgl. Erneſti's lex. techn. latinorum Rhetor, u. d. W. numerus.

**) S. Erneſti's angeführtes Werk unter d. W. 4εεταα6041. ***) D. h. die rein nachahmende.