Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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Nun ſo erinnere dich denn wieder unſerer dieſer Erörterung vorhergehenden Behauptung, daß die Beſtimmungen über den Inhalt der ſprachlichen Bildungs⸗ mittel abgehandelt, daß dagegen die über die Form derſelben noch in Erwägung zu ziehen ſind). Ja, ich erinnere mich derer. Gerade über dieſen letzteren Punkt alſo denn hätten wir uns nach meiner Anſicht noch zu vereinigen, ob wir die Dichter ihre Erzählungen durch Nachahmung, oder theils ohne Nachahmung bewerk⸗ ſtelligen laſſen, oder aber ob wir ſie gar nicht nachahmen laſſen wollen. Ich ahne, du willſt erwägen, ob wir Tragödie oder Komödie in unſern Staat aufnehmen wollen, oder nicht. Vielleicht, erwiderte ich hier, vielleicht aber auch noch mehr**) Dinge als dieſe; denn ſicher weiß ich's ſelbſtverſtändlich nicht, ſondern wir haben dahin zu folgen, wohin uns die logiſche Unterſuchung, wie der Wind das Schiff, hintreibt. Ganz ſchön bemerkt. Darauf alſo, mein lieber Adimantus, richte dein Hauptaugenmerk, ob unſere Staatswächter nachahmende Künſtler ſein dürfen oder nicht. Oder hängt die Entſcheidung dieſer Frage nicht von den von uns früher bewieſenen Grundſätzen ab, daß ein jeder nur ein Geſchäft gehörig betreiben ſolle, vielerlei Geſchäfte aber nicht, daß aber einer, wenn er letzteres verſuchte, durch Be⸗ faſſung mit Vielerlei in allen Stücken das Ziel verfehlen würde, in irgend einem nennenswerth zu werden. Warum ſollte er es nicht? Nicht wahr, demnach gilt auch von der Nachahmung derſelbe vernünftige Grundſatz, daß viele Geſchäfte ein und derſelbe Menſch nicht gut nachahmen kann, wie er eines gut verrichtet? Nein, das kann er freilich nicht. Schwerlich alſo wird er(395) eines der ordent⸗ lichen Geſchäfte treiben, dabei noch viele nachahmen und in dieſer Nachahmung Meiſter ſein können, da ja nicht einmal die anſcheinend nahe verwandten Gegen⸗ ſtände der Nachahmung dieſelben Menſchen zu gleicher Zeit gut nachahmen können, wie z. B. die Komödien⸗ und Tragödien⸗Dichter.***) Oder nannteſt du nicht dieſe beiden Arten von Poeſie vorhin Nachahmungen? O ja, und deine Bemerkungen ſind richtig, daß dieſelben Menſchen das nicht können. Ferner auch Rhapſode und Schauſpieler iſt niemand zugleich. Richtig. Ja, nicht einmal Schauſpieler für Tragödie und Komödie ſind dieſelben Perſonen; aber alle dieſe Künſte ſind Arten der Nachahmung, oder nicht? Ja das ſind ſie. Ja, mein lieber Adimantus, in Bezug auf die Unmöglichkeit, viele Geſchäfte gut nachzuahmen, iſt die angeborene

*) S. oben Kapitel 6. M

**) Nicht nur alle die Sittlichkeit irgendwie gefährdende Poeſie, beſonders die des Schauſpiels, läßt Plato, obgleich er früher ſelbſt dramatiſcher Dichter war, in Folge ſeines moraliſchen Grundſatzes unbarmherzig über die Klinge ſpringen, ſondern auch weiter unten alle der Sitlichkeit nachtheilige Muſik und übrige Kunſt überhaupt. S. unten den Anfang des Kapitels 12. f 1.

***) Dieſe Behauptung ſteht nicht im Widerſpruch mit Sympoſion 223 d. Die W iſſenſchaft

(2⁶ ν i) beider iſt die näm liche, für den rein practiſchen Nachahmer oder für den empiriſchen Menſchen aber ſind ſie unvereinbar. i185⸗.