Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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Chryſes mit einem Löſegeld für ſeine Tochter gekommen ſei und die Achäer, nament⸗ lich die Könige, durch flehentliche Bitte zu erweichen geſucht habe, hierauf nicht in der Perſon des Chryſes ſondern immer noch in der des Homer erzählt hätte: ſo merkeſt du wohl, daß es keine Nachahmung, ſondern eine einfache Er⸗ zählung ſein würde. Dieſe würde aber ungefähr ſo lauten(ich erzähle aber ohne Sylbenmaß, denn ich bin kein Dichter):Es kam der Prieſter und wünſchte ihnen, die Götter möchten ihnen verleihen, Troja zu erobern und ſelbſt unverſehrt nach Hauſe zu kommen, dafür aber möchten ſie gegen Empfang eines Löſegeldes und naus Ehrfurcht vor dem Gotte(Apollo) ſeine Tochter losgeben. Auf dieſe ſeine Worte waren zwar die übrigen von Ehrfurcht gerührt und einverſtanden, aber Agamemnon gerieth in Zorn, indem er ihm befahl, augenblicklich fortzugehen und micht wieder zu kommen, denn ſonſt würde ihm ſein Heroldſtab und der Prieſter⸗ kranz ſeines Gattes nicht zu Statten kommen. Ehe aber ſeine Tochter loskomme, ſolle ſie an ſeiner Seite in Argos eine Greiſin werden. Sodann befahl er ihm, ſich zu entfernen und ihn nicht zu reizen, damit er mit heiler Haut nach Hauſe komme.(394) Der Alte aber fürchtete ſich bei Anhörung dieſer Worte und ent⸗ fernte ſich ſtille; und nach Entfernung aus dem Lager ſchickte er viele Gebete zu Apollo, indem er den Gott bei allen ſeinen Namen anrief, erinnerte und mahnte: wofern er je entweder durch Tempelbauten oder durch dargebrachte Opfer ihm eine Liebes gabe erwieſen habe, ſo möchten dieſer Liebesdienſte wegen, alſo flehte er, die Achäer für ſeine Thräne büßen durch deſſen Pfeile. So, mein Lieber, fuhr ich hier fort, geſchieht ohne Nachahmung eine einfache Erzählung. Ich merk' es ſchon mir. I amntin achi nd ann 13 7. Nun ſo merke dir hiemit noch, daß andrerſeits das Gegentheil hievon herauskömmt, wenn jemand die Worte des Dichters, welche ſich ſonſt zwiſchen denen der redend eingeführten Perſonen befinden, herausnimmt und nur ihre Wechſelgeſpräche ſtehen läßt. Ja auch das begreife ich, das iſt ſo die Darſtellungsart in den Schauſpielen. Ganz recht gerathen, und ich denke, daß du dir die Sache bereits deutlich machſt, was du vorhin nicht konnteſt: daß es nämlich Poeſie und Fabel⸗ erzählung theils durchaus mittelſt Nachahmung gibt, wie nach deiner Bemerkung Tragödie und Komödie, theils durch den Mund des Dichters ſelbſt, wie du ſie am meiſten in den Dithyramben*) finden dürfteſt, theils mittels beider Methoden, wie in der epiſchen Poeſie und auch häufig noch anderwärts, ich denke, du begreifſt mich? Ei ja wohl begreife ich jetzt, was du damals meinteſt.

*) Der Dithyrambus war urſprünglich ein Hymnus auf den Weingott Dyoniſus, von ſeiner geräuſchvollen Verehrung auch Bachus genannt. Die alten Aeſthetiker, wie Ariſtoteles z. B. rechnen jenen Hymnus gewöhnlich zur mimiſchen Poeſie, weil deſſen Geſang gewöhnlich mit pantomimi⸗ ſchem Tanz verbunden war. Andre, wie auch hier Plato, ſehen ihn für eine Art der lyriſchen Poeſie an, weil er ganz ſubjective Gefühle ausdrückte. 1

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