Nach meiner Ueberſetzung der platoniſchen Briefe und der fünf letzten Bücher des Staates Plato's(Stuttgart, 1859 und 57) habe ich voriges Jahr be⸗ gonnen, auch die ſchon lang fertige Verdeutſchung der fünf erſten Buͤcher dieſes platoniſchen Meiſterwerkes herauszugeben, nachdem die öffenkliche Kritik meine Art den Plato zu überſetzen nicht ungünſtig aufgenommen hat. Das einfache Urtheil, daß meine Ueberſetz ung ſich wie jedes andre deutſche Buch leſen und verſtehen laſſe, während man zum Verſtändniſſe der meiſten Ueberſetzungen den griechiſchen Tert nicht entbehren könne, war für mich, den das hohe Ideal einer würdigen Ueberſetzung etwas zurückhaltend machte, ſchon ermunternd genug. Nachdem ich dem vorjährigen Wormſer Programme die Ueberſetzung des erſten Buches beigegeben hatte, in dem das negative Ergebniß der Ungerechtigkeit(was ſie nicht iſt) enthalten iſt: ſo laſſe ich dieſes Jahr auch das zweite folgen, in welchem nun erſt die eigene Anſicht dar⸗ über von Plato ausgeſprochen wird, zunächſt hinſichtlich des Staates, der künftigen Staats⸗Wächter und Regenten, ſowie hinſichtlich deren Erziehung und Jugend⸗ bildung. Man wird alſo auch ſchon in dieſem zweiten Buche den im Vorworte des erſten citierten Spruch Rouſſeau's bewährt finden:„Plato's Republik ſei die ſchönſte Abhandlung über Erziehung.“
Noch ein Wort über mein Ideal einer Ueberſetzung des Plato. Wie von der Ueberſetzung eines Dichters verlangt wird, daß ſie eine Nachdichtung ſei, ſo wird mit Recht von der eines Philoſophen ein Nachdenken verlangt. Nun iſt aber Plato ſchon nach Zeugniſſen der Alten nicht bloß der ſchärfſte Denker, ſondern auch noch Dichter hinſichtlich der ſprachlichen Darſtellung(Quintil. inst. or. X, 1, 81: Quis du- bitet Platonem esse praecipuum sive acumine disserendi sive eloquendi facultate divina quadam et Homerica, nach Cicero Tusc. I, 32, philosophorum Homerus). Dieſe Darſtellung geſchieht aber nicht in Kapiteln und Paragraphen, ſondern in
dramatiſchen Dialogen, welche oft der ungezwungenſten Unterhaltung vertrau⸗ 1*


