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wär's denn möglich? ſagte er; du meinſt wahrſcheinlich die Blindheit ſtatt der Seh⸗ kraft.— Mag ihre Tugend jetzt ſein, welche ſie will; denn das frage ich noch nicht, ſondern ob ſie(die Augen) durch ihre ihnen eigenthümliche Tugend ihr Geſchäft wohl ausführen, durch eine Schlechtigkeit aber ſchlecht.— Da ſprichſt du, ſagte er, hierin wenigſtens die Wahrheit.— Nicht wahr, auch die Ohren, wenn ſie ihrer Tugend beraubt ſind, verrichten ihr Geſchäft ſchlecht?— Allerdings ja. Kann man nun in Bezug auf das Uebrige überhaupt denſelben Satz aufſtellen?— Ich wenigſtens halte dafür.—— So komme denn und ſtelle nach dieſen Betrachtungen nun folgende an. Hat die menſchliche Seele ein Geſchäft, was man mit ſonſt gar keinem andern Weſen bezwecken könnte? Z. B. Beſorgen, Beherrſchen, Berathen und dergleichen Geſchäfte, könnten wir dieſe einem andern Gegenſtande, als der Seele, als eigen⸗
thümlich anweiſen.— Keinem andern.— Wie aber ferner mit dem Leben? Sollen
wir es nicht für ein Geſchäft der Seele anſehen?— Ganz und gar, ſagte er.— So dürfen wir alſo behaupten, daß es auch eine Tugend der Seele gibt?— Ja.— Wird nun die Seele, o Thraſymachus, ihre Geſchäfte gut verrichten, wenn ſie der ihr eigenthümlichen Tugend beraubt iſt? Oder iſt's unmöglich?— Unmöglich.— Nothwendig muß man alſo mit einer ſchlechten Seele ſchlecht herrſchen und ſchlecht Geſchäfte treiben, mit einer guten aber alles dies gut vollführen?— Nothwendig. Nicht wahr, wir waren nun hinſichtlich der Gerechtigkeit einverſtanden, daß ſie eine Tugend der Seele ſei, die Ungerechtigkeit aber eine Schlechtigkeit?— Ja, darin waren wir einverſtanden.— Mithin wird die gerechte Seele und der gerechte Mann wohl leben, er ungerechte aber ſ hlecht(354).— Ja es iſtellt ſich ſo heraus, ſagte er, nach deiner Schlußfolge.— Nun aber iſt ja voch der, welcher das rechte Leben führt, ſowohl hochſelig als auch glückſelige). Wer aber nicht, das Gegentheil.— Ohne Zweifel.— Folglich iſt der Gerechte glücklich, der Ungerechte unglücklich.— Meinetwegen ſollen ſie es ſein, ſagte er.— Nun aber iſt es nicht vortheilhaft, unglücklich zu ſein, wohl aber glücklich?— Ohne Zweifel.— Somit bringt, o hochſeliger Thraſymachus, die Ungerechtigkeit gar niemals mehr Nutzen, als die Gerechtigkeit.— Ja, o Socrates, ſagte er, dieſe meine Zugeſtänd⸗ niſſe hier ſollen dein Feſtſchmaus zum Feiertage der Jungfrau Diana ſein.— Ja wohl, verſetzte ich, von niemand als von dir, o Thraſymachus, mir aufgetiſcht, nach⸗ dem du natürlich ſo zahm geworden warſt und deine Wildheit abgelegt hatteſt. Daß ich jedoch nicht auf die rechte Art ſchmauſe, daran bin ich ſchuld, nicht du. Denn wie die Lecker von dem jedes Mal aufgetragenen Gerichte koſten, ohne das vorher⸗ gehende ordentlich genoſſen zu haben; ſo ſcheine auch ich mir, ehe noch gefunden war,
*) Man erinnere ſich hier bei dieſen Worten deſſen, was oben Kap. 16 dieſer Thraſymachus von den Ungerechten, namentlich von den Meiſtern in der Ungerechtigkeit, rühmend behatptete, nämlich daß dieſe ſtatt Schimpf und Schande die Ehrentitel: glück⸗ und hochſelig erhielten.


