— 97—
Menſchenverſtand begreiflich, nicht aber die der demigen, wie du ſie anfangs auf⸗ ſtellteſt. Dagegen iſt die weitere Frage, ob die Gerechten ein beſſeres Le⸗ ben haben und glückſeliger ſind, als die Ungerechten, welche wir vor⸗ hin*) bis zuletzt uns ſetzten, nun noch genauer zu unterſuchen. Nach den Ergebniſſen unſerer hisherigen Unterredung iſt wohl ſchon jetzt, wie mich wenigſtens dünkt, die Antwort darauf eine bejahendez man muß jedoch darum eine noch gründlichere Unter⸗ ſuchung anſtellen. Denn die Rede gilt nicht einem gewöhnlichen Gegenſtande, ſondern der Frage, auf welche Weiſe man ſein Leben zu führen habe.— So unterſuche denn, ſagte er. Ich thu' es ſchon, ſprach ich. Gib mir einmal Antwort auf dieſe Frage: Nimmſt du an, daß es ein gewiſſes Geſchäft für das Pferd gebe?— Ich einmal. — Würdeſt du nun dies nicht nur als das Geſchäft des Pferdes, ſondern auch als das jedes andern Geſchöpfes aufſtellen, was man durch jenes entweder ausſchließlich, oder doch am beſten verrichten könnte?— Ich perſtehe es nicht, ſagte er.— Vielleicht ſo: würdeſt du wohl mit etwas anderm als mit dem Auge ſehen?— Nicht doch. — Ferner mit etwas anderm als mit den Ohren hören?— Keineswegs.— Mit Necht alſo würden wir dies für die eigenthümlichen Geſchäfte dieſer Glieder erklären? — Ja allerdings.— Weiter(353), würdeſt du nicht auch mit einem Schwerte eine Weinrebe abſchneiden können, oder mit einer Scheere, oder ſonſt noch mit vielen andern Werkzeugen?— Warum denn nicht?— Aber mit nichts, glaube ich, doch ſo bequem, als mit der Hippe, da ſie für dieſes Geſchäft gefertigt iſt.— Richtig.— Werden wir daher nicht dies als das igenihuͤmliche Geſchäft heis Inſkeumentes auf⸗ ſtellen können?— Ja, das einmal können wir. Inn ſ 10½24. Nun denn wirſt du, glaub' ich, beſſer verſtehen, was ich eben wiſſen wollte bei der Frage, ob nicht das eines jedes Dinges Geſchäft ſei, was es entweder ganz allein, oder doch am beſten verrichtet.— Allerdings, ſagte er, verſteh' ich es nun und ſtimme bei, daß dies das Geſchäft eines jeden Gegenſtandes ſei.— Gut denn, ſagte ich. Alſo hat auch jeder Gegenſtand, dem auch irgend ein Geſchäft zugedacht iſt, eine Tugend 7**), Wir wollen wieder dieſelben Beiſpiele nehmen. Wir geben wohl hm⸗ ſichtlich der Augen zu, daß es ein für ſie eigenthümliches Geſchäft) gibt?. Ja Demnach auch eine Tugend der Augen?— Auch eine Tugend.— Ferner auch ein Geſchäft der Ohren?* Ja.— Alſo auch eine Tugend derſelben?— Auch eine Tugend derſelben.— Fernex⸗ in Bezug auf alles Uebrige, iſt's überhaupt da nicht ebenſo?— Eben ſo. Das halte alſo einmal feſt! Würden nun die Augen wohl je das ihnen eigenthümliche Geſchäft richtig verrichten, wenn ſie die ihnen eigenthüm⸗ liche Tugend nicht beſäßen; ſondern ſtatt jener Tugend eine Schlechtigkeit?— Wie
*) Kap. 22.= S. 351, A.„ *) Das Wort Tug enst nehme man auch been in ſeanen alremeinien—„ in waihen es ſo viel als Tüchtig keit oder Vollkommenheit iſt. 1 Fne
u Imn


