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was wir zuerſt ſuchten, nämlich worin das Weſen der Gerechtigkeit beſtehe, jenes fahren gelaſſen und die Unterſuchung ergriffen zu haben, ob ſie entweder in Schlechtigkeit und Mangel an Wiſſen und Bildung beſtehe, oder in Weisheit und Tugend; und nachdem wiederum auf das Tapet gekommen war, ob die Ungerechtig⸗ keit einen größeren Vortheil gewähre, als die Gerechtigkeit: ſo konnten wir uns nicht enthalten, auf dieſes Thema vom erſteren zu ſpringen; daher es denn gekommen iſt, daß ich aus der ganzen Unterhaltung nichts gründlich gelernt habe. Wie lange ich nämlich nicht das Weſen*) der Gerechtigkeit weiß, ſo werde ich auch eigentlich gar nicht wiſſen, ob es eine Tugend gibt, oder auch nicht, und ob der Beſitzer derſelben unglücklich ſei, oder glücklich.**)
*) Das Weſen der Gerechtigkeit nach Plato in ſeinen nachfolgenden Unterſuchungen von B. II— X. beſteht einerſeits im einzelen Menſchen in der Harmonie der drei hauptſächlichſten Seelen⸗ beſtandtheile(des vernünftigen, des muthigen oder herzhaften und des begierlichen), andrerſeits im Staate in der Harmonie der drei hauptſächlichſten Stände(des vernünftig regierenden, des kriege⸗ riſchen, des arbeitenden). Die Harmonie und die damit verbundene Glückſeligkeit wird ſchon auf Er⸗ den dadurch erreicht;, daß dort wie hier nur die Vernunft herrſcht, der muthige Theil ſie unter⸗ ſtützt und der dritte der Vernunft gehorcht.
*) Hinſichtlich des ſtreng logiſchen Zuſammenhanges dieſes ganzen platoniſchen Dialoges über⸗ haupt, namentlich desjenigen in dieſem erſten Buche verweiſe ich auf den meiner Ueberſetzung der letzten fünf Bücher angehängten„Gedankengang und Plan der Politeia“, von S. 418— 453, ſowie auf des Herrn Prof. Dr. G. F. Rettig zu Bern Prolegomena ad Platonis rempublicam S. 116 ff.— In dieſer Schlußbemerkung des Plato wird man übrigens die im Vorworte ausgeſprochene Anſicht beſtätigt finden, daß dieſes erſte Buch nur den kritiſchen oder negativen Theil des ganzen Werkes bildet.


