Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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ſo thue das, ich meinerſeits werde fragen. So frage denn! Ich wiederhole alſo die eben*) an dich gerichtete Frage, damit wir unmittelbar nach dieſer jene Frage gründlich unterſuchen können(351), von welchen Folgen die Gerechtigkeit ſei im Ver⸗ gleiche mit der Ungerechtigkeit. Es wurde nämlich früher unter anderen Behauptungen auch die aufgeſtellt, daß die Ungerechtigkeit auch an Vielvermögenheit und wirkſamer Stärke die Gerechtigkeit übertreffe. Dieweil aber, fuhr ich fort, nunmehr doch einmal feſtſteht, daß Gerechtigkeit Weisheit und Tugend iſt, wird daraus, denk ich, leicht augenſcheinlich werden, daß dieſelbe auch an Stärke die Ungerechtigkeit übertrifft, dieweil ja doch nun einmal die Ungerechtigkeit als ein Mangel an Wiſſen und Bildung ſich erwieſen hat. Jedem in der Welt dürfte dies einleuchtend ſein. Aber ich für meine Perſon wünſchte dieſe Frage nicht ſo eiufach abzumachen, ſondern, mein lieber Thraſymachus, ſie etwa noch auf folgende Weiſe näher ins Auge zu faſſen. Würdeſt du es wohl für eine ungerechte Handlung halten, wenn ein Staat es verſucht andre Staaten ungerecht ſich zu unterwerfen, wirklich unterwirft und auch viele nach der Unterwerfung unter ſeinem Joche hält? Warum denn nicht? ſagte er. Dies wird ja ein jeder deſto eher thun, je vorzüglicher und meiſter⸗ hafter er in der Ungerechtigkeit iſt. Ich verſtehe ſchon, ſagte ich, daß dies deine Behauptung vorhin war, und will nun daruüber folgende Betrachtung anſtellen. Wird ein Staat, der einen andern überwältigt hat, dieſe Uebergewalt ohne Ge⸗ rechtigkeit, oder unumgänglich nothwendig mit Gerechtigkeit behaupten? Wenn, ſagte er, die Gerechtigkeit, wie du ſie eben beſtimmſt, Weisheit iſt, ſo mit Gerechtigkeit; wenn ſie aber von der Art iſt, wie ich ſte erklärte, ſo mit Ungerechtigkeit. Ich bin ganz entzückt, verſetzte ich, daß du nicht bloß mit dem Kopfe nickeſt und ſchüttelſt, ſondern recht brav antworteſt! Dir eben, ſagte er, thue ich es zu Gefallen!

23. Schön von dir! So thu. mir denn folgerecht auch noch dieſen Gefallen und ſprich: Glaubſt du wohl, daß ein Staat, oder ein Heer, oder eine Räuberbande, oder eine Diebsbande, oder ſonſt eine Menſchenſchaar, ſo fern ſie gemeinſchaftlich mit Ungerechtigkeit nach einem Ziele ſtrebt, etwas ausrichten könne, wenn ſie ſich unter einander Unrecht thun? Sicherlich nicht, ſagte er. Wie aber, wenn ſie ſich kein Unrecht thun? Werden ſie da nicht eher etwas ausrichten? Ja wohl. Denn die Ungerechtigkeit, o Thraſymachus, verurſacht ja doch Uneinigkeiten und Streitigkeiten unter einander, die Gerechtigkeit aber Eintracht und Liebe. Nicht wahr? Soll zugeſtanden ſein, damit ich mich nicht mit dir entzweie. Recht klug daran gethan, mein Beſter! Aber ſage mir doch auch noch hierüber deine Anſicht.. Wenn dies die Wirkung der Ungerechtigkeit iſt, überall wo ſie zu Hauſe iſt, Haß

) Am Anfange dieſes Kap. mit den Worten: aber wie ſieht es nun mit unſerer weiteren Behauptung aus ꝛc.

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