— 444—
irgend ein Kundiger vor dem andern Kundigen mehr erzielen wollen würde, ſei es in Praxis oder Theorie, und nicht vielmehr ganz daſſelbe, was der ihm Aehnliche in demſelben Geſchäft erzielt?— Je nun, es wird dies wohl eine logiſch nothwendige Folge ſein.— Und ferner andrerſeits der Unkundige? Willder nicht gleicherweiſe den Kundigen, wie den Unkundigen überflügeln?— Beide auf gleiche Weiſe.— Der Kundige iſt aber weiſe?— Ja.— Der Weiſe aber tüchtig?— Ja.— Der Gut⸗ alſo ſowohl wie der Weiſe wird vor dem Aehnlichen nicht im Vortheil ſtehen wollen, aber vor dem Unähnlichen und Entgegengeſetzten?— Ja wahrſcheinlich, ſagte er.+ Der Schlechte aber wie der Unkundige ſowohl vor dem Aehnlichen als vor dem Ent⸗ gegengeſetzten?— Es ſcheint.— Nicht wahr, ſagte ich, der Ungerechte über flügelt doch nun bei uns den Aehnlichen wie den Unahnlichen? Oder ſagteſt du nicht ſo?— O ja, ſagte er.— Und der Gerechte will zwar den ihm Aehnlichen nicht übertreffen, aber den ihm Unähnlichen?— Ja.— Mithin, ſchloß ich, gleicht der Gerechte dem Weiſen und Tüchtigen, der Ungerechte aber dem Schlechten und Un⸗ kundigen?— Vielleicht wohl.— Nun aber ſind wir doch einverſtanden, daß jeder von ihnen auch ein ſolcher ſei, wie der, dem jeder von ihnen gleicht.— Freilich einverſtanden.— Von dem Gerechten alſo hat es ſich ergeben, daß er kchtg und weiſe, von dem Ungerechten aber, daß er unkundig und ſchlecht iſt.
22. Alle dieſe Zugeſtändniſſe machte Thraſymachus, jedoch nicht ſo gutwillig wie ich da erzähle, ſondern mittels logiſchen Zwangs und mit Mühe und unter welchem ungeheuren Schweiße, zumal auch an einem Sommertage. Damals ſah ich auch, was ich vorher noch nie geſehen hatte, den Thraſymachus ſchamroth werden.
Nachdem er aber nun mit mir feſtgeſtellt hatte, daß die Gerechtigkeit Tugend und Weisheit, die Ungerechtigkeit dagegen Schlechtigkeit und Unwiſſenheit ſei; ſo fuhr ich fort mit den Worten: Gut, das erwähnte Ergebniß(daß der Gerechte weiſe und tüchtig ꝛc. iſt) ſteht und muß unerſchütterlich feſtſtehen; aber wie ſieht es nun mit unſerer weiteren Behauptung aus, die wir bekanntlich aufſtellten? Daß nämlich die Ungerechtigkeit etwas Starkes von großer Wirkſamkeit ſei, oder erinnerſt du dich ihrer nicht, o Thraſymachus?— Ja ich erinnere mich, ſagte er; aber auch mit deinen nunmehrigen Folgerungen bin ich einmal nicht einverſtanden, und ich hätte manches dagegen vorzutragen. Wenn ich aber einen Vortrag hielte, ſo weiß ich wohl, daß du ſagen würdeſt, ich ſchwadronierte. So laſſe mich denn nun entweder reden, wie viel ich will, oder wenn es dir zu fragen beliebt, ſo frage denn hin; ich aber will dabei wie(ein Kind) bei alten Weibern, die die Mährchen erzählen, zurufen: Gut! und mit dem Kopfe nicken, oder ſchüͤtteln.— Nur ja nicht, verſetzte ich, gegen deine Ueberzeugung!— Um dir, ſagte er, mich gefällig zu beweiſen, weil du ja doch bekanntlich einen Vortrag nicht zuläſſeſt. Iſt ſonſt jedoch noch was gefällig?— Wirklich ſonſt gar nichts, antwortete ich; drum weil du nicken und ſchütteln willſt,


