Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

Auch nicht in der Gerechtigkeit ſeines Handelns. Wird er dagegen aber vor dem Ungerechten etwas voraus zu haben begehren und es mit gutem Grunde fuür gerecht halten? Er würde es wohl für gerecht halten und begehren, aber nicht können, war ſeine Antwort. Ob er kann oder nicht, das iſt eben nicht meine Frage, ſondern die wird vor dem Gerechten einerſeits der Gerechte nichts vorauszuhaben für recht halten und es auch nicht beabſichtigen, andrerſeits aber vor dem Ungerechten? Das letztere iſt der Fall, antwortete er. Wie ſtehts aber denn mit dem Ungerechten? Wird ertes für recht halten, vor dem Gerechten und vor der gerechten Handlung etwas vorauszuhaben? Warum denn nicht? ſagte er; der will ja doch vor allem etwas voraus haben. Nicht wahr, er wird alſo auch ſowohl vor dem ungerechten Menſchen voraushaben wollen, als auch ihn in dem ungerechten Handeln übertreffen wollen und mit ihm wetteifern, damit er den ditſen T. heil vor allen insgeſammt be⸗ hande So iſt's. mmiin

21. Das Ergebniß dieſer unſerer Unterſuhung, bemerkte ich hierauf, wird vnnah ſo lauten: der Gerechte will vor dem ihm Aehnlichen nichts voraus haben, aber vor dem ihm Unähnlichen; dagegen der Ungerechte ſowohl vor dem ihm Aehn⸗ lichen als auch Unähnlichen. Ganz gut ausgedrückt, ſagte er. Und der Un⸗ gerechte, fuhr ich fort, iſt doch noch(nach deiner Anſicht) verſtändig und tüchtig, der Gerechte aber keines von beiden? Auch das iſt richtig, ſagte er. Nicht wahr, fuhr ich fort, es gleicht alſo auch dem Verſtändigen und Tüchtigen der Ungerechte, der Gerechte aber nicht? Warum, antwortete er, ſollte erſterer bei dieſen Eigen⸗ ſchaften den Beſitzern ähnlicher Eigenſchaften nicht ähnlich, und warum ſollte letzterer ohne dieſelben dieſen nicht unähnlich ſein? Schön! Somit iſt alſo jeder von ihnen ein ſolcher, wie jene, denen er gleicht. Und warum das nicht? ſagte er. Nun genug veiner Zugeſtändniſſe, o Thraſymachus, jetzt wollen wir aber darauf einmal weiter ſehen. Nennſt du manchen muſikaliſch und manchen unmuſikaliſch? O ja. Welchen von beiden nennſt du nun verſtändig und welchen unverſtändig? Den Muſikaliſchen ja doch wohl verſtändig, den Unmuſikaliſchen unverſtändig. Nicht wahr, worin verſtändig, darin tüchtig; worin aber unverſtändig, darin ſchlecht? Ja. Wie iſt's ferner mit dem Arzte? Nicht auch ſo? Ja. Dünkt dich nun wohl, o Beſter, ein muſikaliſcher Mann werde bei der Stimmung ſeiner Leyer in der An⸗ und Abſpannung der Saiten vor einem andern muſikaliſchen Mann etwas voraus haben wollen oder es für recht halten etwas mehr zu bekommen? Mich wenigſtens dünkt es nicht. Aber den unmuſtkaliſchen wird er darin übertreffen wollen? Nothwendig, ſagte er. Und der Arzt?(350) würde er bei Verordnung der Speiſe und des Trankes mehr bezwecken wollen, als ein andrer Arzt oder ein andres ärztliches Verfahren? Nein doch! Aber wohl mehr, als das Gegentheil von beiden? Ja. Wirf nun überhaupt einen Blick auf Kunde und Unkunde und ſiehe zu, ob

3