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Schlaukopf, wenn ich einmal ſchon den Satz aufſtelle, daß Ungerechtigkeit vortheilhaft ſei, die Gerechtigkeit aber nicht!— Alſo wie denn?= Gerade das Gegentheil, ſagte er.— Alſo die Gerechtigkeit Schlechtigkeit?— Das eben nicht, ſondern ganz einfäl⸗ tige Gutartigkeit.— Somit nennſt du die Ungerechtigkeit Bösartigkeit?— Nein, ſondern practiſche Geſcheidheit, ſagte er.— Scheinen dir die Ungerechten nicht auch verſtändig und tüchtig?*)— O a, ſagte er, die Meiſter im Unrechtthun, welche ganze Staaten ſammt der ganzen Bevölkerung ſich zuzueignen verſtehen. Du glaubſt vielleicht aber, ich meinte die gewöhnlichen Beutelſchneider. Zwar iſt indeß auch ſo etwas, fuhr er fort, von Nutzen, wenn man ſich dabei nicht erwiſchen läßt 3) aber es iſt doch nicht der Mühe werth, wohl aber ſind es Gegenſtände, wie ich ſie eben nannte.— Darüber allerdings, ſagte ich darauf, bin ich nicht mehr im Unklaren, welchen Gedanken du auszudrücken beabſichtigeſt, aber dies fällt mir auf, wenn du die Ungerechtigkeit in die Kategorie der Tugend und Weisheit ſetzeſt, die Gerechtigkeit aber in die des Gegentheils.— Allerdings ſetz' ich ſie ſo!— Das iſt nun, mein Freund, entgegnete ich, eine härtere Nuß für mich, und es iſt nicht mehr leicht, etwas dagegen aufzubringen. Denn hätteſt du feſtgeſetzt, daß die Ungerechtigkeit zwar vortheilhaft ſei, jedoch wie manche andere Leute, zugeſtanden, daß ſie eine Schlechtig⸗ keit und ſchändlich ſei: ſo hätten wir etwas dagegen zu ſagen gehabt, indem wir die her⸗ kömmlichen moraliſchen Grundſätze darüber vorgebracht hätten. Nun aber wirſt du ſie offenbar als etwas Schönes und als etwas Starkes von großer Wirkſamkeit hinſtellen und ihr alle übrigen Eigenſchaften beilegen(349), welche wir andre Leute der Ge⸗ rechtigkeit beizulegen pflegen, nachdem du ja nun einmal nicht geſcheut haſt, ſie in die Reihe der Tugend und Weisheit zu ſetzen.— Ein ſehr guter Prophet biſt du, erwiderte er.— Aber darum, ſagte ich, darf man doch nicht den Muth verlieren und muß in einer Unterſuchung mit der Waffe des geſunden Menſchenverſtandes da⸗ gegen zu Felde ziehen, ſo lange ich vorausſetze, daß du deine Gedanken ganz aus⸗ ſprichſt, gerade wie du ſie in deinem Inneren denkſt; denn mir einmal ſcheint's, o Thraſymachus, daß du nun wirklich keine Späſſe machſt, ſondern deine dir wahr ſcheinen⸗ den Ueberzeugungen über die Sache ausſprichſt.— Was liegt dir daran, ſagte er⸗ ob ſie mir wahr ſcheinen, oder nicht, und warum widerlegſt du nicht die von mir aufgeſtellte Behauptung?— Es liegt mir gar nichts daran, entgegnete ich; indeſſen ſei ſo gut, zu den vorigen mir noch folgende Frage zu beantworten: wird wohl der Gerechte vor dem Gerechten einen Vortheil haben wollen?— Auf keinen Fall, ant⸗ wortete er; ſonſt wuͤrde er ja nicht ſo demüthig, ,wie jetzt, und ſo einfältig ſein!— vernet, wird er etwas in der Gerkchtiakeit ſeines Banpelns voräus s ulen wöllen?=
*) die Ausdrücke gerſtandg, 1uchtign. und unten Weiahegw und rugend,n waden in dieſem Buche noch in gewöhnlichem, nicht philoſophiſchen Sinne genommen. n an 1ß*


