Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Anſicht, daß ich von deiner Wiſſenſchaft nicht überzeugt bin und auch nicht glaube, daß die Ungerechtigkeit vortheilhafter als die Gerechtigkeit ſei, ſelbſt dann nicht, wenn man ſie gehen und alle beliebigen Anſchläge ausführen ließe. Nein, mein Lieber, ſelbſt der Fall geſetzt, es ſei einer in dem Grade ungerecht, daß er ſeine Ungerech⸗ tigkeit imner entweder mit Klugheit bemänteln oder mit frecher Gewalt durchſetzen könne: ſo überredet ein ſolcher Fall von Ungerechtigkeit mich dennoch nicht, daß ſie vortheilhafter, als die Gerechtigkeit ſei. Solche ſubjective Gefühle hat vielleicht auch noch ein anderer von uns hier, nicht allein ich. Liefere uns alſo, Hochgelahrter, den objectiven Beweis, daß wir nicht recht berathen ſind, wenn wir die Gerechtigkeit höher achten, als die Ungerechtigkeit. Und wie ſoll ich, ſagte er, dieſen Beweis liefern? Wenn du nämlich durch die Beweisgründe, welche ich eben vortrug, nicht überzeugt biſt, was ſoll ich da noch mit dir anfangen? Soll ich dir denn die Vernünftigkeit meiner Behauptung eintrichtern? Nein, bei Gott, das ſollſt du ja nicht, ſondern bleibe vorderhand nur bei deinen jedesmaligen Behauptungen, oder wenn du etwas davon noch ändern willſt, ſo thu'es offen und komme uns nicht wieder hinten nach damit. Du weißt nun aber wohl, oThraſymachus(wir wollen nämlich hier noch einmal erſt das Vorhergehende in's Auge faſſen) daß du den Arzt im ſtrengen Sinne zuerſt beſtimmteſt, und nachher den Schäfer im ſtrengen Sinne nicht ſo genau feſthalten zu müſſen glaubteſt; ſondern biſt nunmehr der Meinung, daß er die Schafe weide, ſo fern er Schäfer iſt, nicht mit Rückſicht auf das Beſte der Schafe, ſondern wie einer, der ſie verzehren und ein Gaſtmahl halten will, auf den Schmaus, oder aber auf den Verkauf, wie ein Schacherer, nicht wie ein guter Hirt. Der Kunſt des Schafhütens liegt doch wohl nichts anderes ob, als nur dem, für das ſie beſtimmt iſt, das Beſte zu verſchaffen; dieweil ſte ja doch ihr eige⸗ nes Intereſſe, daß ſte nämlich die beſte ſei, in vollem Grade befriedigt hat, ſo lange ihr nichts von der Vollkommenheit der Kunſt des Schafhütens mangelt, So nun glaubte auch ich wenigſtens vorhin, daß auch wir nothwendig eingeſtehen müßten, jede Regierung, ſofern ſie Regierung iſt, dürfe für nichts anderes das Beſte bezwecken, als für das, für welches ſie beſtimmt iſt, naͤmlich für den Unterthan in der Re⸗ gierung des Staates, für den Pflegling in der Regierung des Privat⸗Lebens. intn

18. Aber, um die Sache noch von einer anderen Seite zu beleuchten, glaubſt du denn, daß die Regenten in den: Staaten, naͤmlich die Regenten im wahrhaften Sinne des Wortes, ohne itgend einen Antrieb regieren? Das glaub' ich bei Gott nicht, ſagte erz ſondern ich weiß es ganz gewiß). Nun aufgemerkt, mein lieber Thraſy⸗ machus, fuhr ich fort; merkſt du nicht auch bei den übrigen Arten von Regiment, daß ſie die Leute nicht auf eigenen Antrieb verwalten wollen, ſondern einen Lohn dafür begehren, in der Ueberzeugung nämlich, daß nicht ſie einen Nutzen von der

) Bei Stallb. und Aſt hört erſt hier das Kap. 17 auf, welche Abtheitung mir aber ſiunſtötend zu ſein ſcheint. Das mußte hier ſtärker, d. h. mit einem Sa tze ausgedrückt werden.