Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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über das, wofür ſie Künſte ſind. Dieſem Satze trat er gar mühſam bei. Somit bedenkt und verordnet gar keine Wiſſenſchaft das dem Gewaltigeren, ſondern das dem Schwächeren und dem von ihr Regierten Zutraͤgliche. Auch dies gab er zwar end⸗ lich zu, ſuchte aber darüber noch Händel anzufangen. Nachdem er aber dies zu⸗ gegeben hatte, fuhr ich fort: Nicht wahr alſo, kein Arzt, in wie fern er Arzt iſt, bedenkt und verordnet das dem Arzte, ſondern das dem Kranken Zuträgliche? Denn es beſteht ja das Zugeſtändniß, der Arzt im ſtrengen Sinne ſei ein Regent der Kranken, aber kein Gelderwerber, oder beſteht es nicht? Er bejahte es. Nicht wahr, auch der Steuermann, der im ſtrengen Sinne, ſei ein Regent der Schiffsleute, aber kein Schiffender? Zugeſtanden! Somit wird der Steuermann und Re⸗ gent von der Art nicht das dem Steuermann, ſondern das dem Seefahrer und Untergebenen Zuträgliche bedenken und verordnen. Die Zuſtimmung kam ihm ſehr ſchwer an. Folglich, verſetzte ich, o Thraſymachus, auch ſonſt gar kein anderer Regent, in was immer für einem Regiment, wiefern er dieſer iſt, bezweckt oder be⸗ fiehlt das ihm ſelb ſt Zuträgliche, ſondern das des Untergebenen und deſſen, für den er ſein Amt und ſeine Kunſt ausübt, und bloß auf dieſen und auf das dieſem Zuträgliche und Handeueſhn beziahen ſich alle ſeine Gedanken und Hanr lungen. dſrauree kt I

16.(343) Da wir nun hherr in per Unterſuhung ganden, rund es allem ein⸗ leuchtend war, daß die Begriffsbeſtimmung vom Gerechten ins Gegentheil umgeſchlagen war: ſo ſagte mir Thraſymachus ſtatt einer Antwort: Sage mir doch, o Socrates, haſt du eine Amme? Wozu denn die Frage? ſagte ich; man hätte von dir eher eine Antwort erwartet, als eine Frage. Weil ſie doch, ſagte er, deine Rotznaſe überſieht und nicht ſchnäuzt, was ſo noth thut, da du nicht einmal einen rechten Begriff von Schafen, auch nicht von Schäfern haſt! Ei! warum denn in aller Welt? Weil du wähnſt, die Schäfer oder die Hirten berückſichtigten der Schafe und Rinder Intereſſe und maſteten und pflegten ſie aus Rückſicht auf etwas anders als auf der Herren Intereſſe und auf ihr eigenes; und ſonach auch der Meinung biſt, die Regenten in den Staaten, welche im wahren Sinne Regenten ſind, wären in Bezug auf ihre Untergebenen anders geſinnt, als wie jemand in Bezug auf Schafe geſinnt iſt, und Tag und Nacht hindurch berückſichtigten ſie etwas anders, als eben nur dasjenige, wovon ſie ſelbſt Nutzen erlangen können. Ja du und der Begriff des Rechten ſowie die Gerechtigkeit, und der Begriff des Unrechten ſowie Ungerechtigkeit ſeid ſo weit von einander zu Hauſe, daß du nicht einmal weißt, daß einerſeits die Gerechtigkeit ſowie der Begriff des Rechten in der That ein fremdes Gut, nämlich das dem Gewaltigeren oder Regenten Zutraͤgliche, für ihren Beſitzer aber, nämlich für den Folgſamen oder Untergebenen, ein eigentlicher Nachtheil iſt; ferner nicht weißt, daß andrerſeits die Ungerechtigkeit, ihr Gegenſtück, über die eigentlich