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denn die ganze Zeit hier, o Socrates? Und warum ſeid ihr ſolche Pinſel und treibt unter einander eine ſolche Spiegelfechterei? Wenn du doch in der That wiſſen willſt, was das Gerechte iſt, ſo frage nicht allein, und ſuche nicht bloß im Widerlegen deſſen zu glänzen, was ein anderer antwortet, weil du wohl weißt, daß fragen leichter iſt, als antworten; gib auch du einmal Antworten und ſtelle auch einmal eine Erklärung auf, was nach deiner Meinung das Gerechte ſei. Und daß du mir es dann nicht erklärſt als das Pflichtmäßige, oder als das Nützliche, oder als das Einträgliche, oder als das Vortheilhafte, oder als das Zuträgliche; ſondern deutlich und beſtimmt drücke dich in allem aus, was du nur immer aufſtellſt. Denke nicht, daß ich es gelten laſſe, wenn du Faſeleien von der Art vorbringſt.— Da war ich nun bei Anhörung deſſen ganz wie niedergedonnert, wagte jedoch furchtſam einen Blick nach ihm, und ich glaube, ich wäre ſtumm geworden, wenn ich ihn nicht eher angeſchaut hätte, als er mich*). Nun aber hatte ich ihn gleich im Anfange ſeiner heftigen und bitteren Sprache eher angeſchaut, daher war ich im Stande, ihm zu antworten, und ſprach mit Zittern: O Thraſymachus, ſei doch nicht ſo ungehalten über uns; denn wenn ich und der da im Gange der Unterſuchung gefehlt hahen, glaube mir, ſo haben wir es nicht mit Willen gethan. Hätten wir nämlich nach Gold geſucht, ſo biſt du wohl uberzeugt, daß wir nicht ſo Spiegelfechterei dabei getrieben und da⸗ durch uns den Fund desſelben verſcherzt hätten; um ſo mehr darfſt du es nun ſein, daß wir bei der Forſchung nach Gerechtigkeit, einem Gegenſtande, der Gold bei weitem an Werth übertrifft, nicht ſo unvernünftig uns einander geſchont haben, und daß wir durchaus nicht fahrläſſig geweſen ſind, um herauszubringen, worin das Weſen derſelben beſtehe. Ja, du darfſt überzeugt ſein, mein Lieber! Aber, ich glaube, wir vermögen es nicht. Und ſo wäre es denn billig, daß wir von euch Pennn Doetoxau eher bemitleidet, als geſcholten würden(337).
11. Als er nun dies hörte, ſchlug er mit ſpöttiſch gerzerrter Miene ein lautes Hohngelächter auf und ſchrie: Bei meiner Seele, da habt ihr ja wieder ein Pröbchen von jener verſtellten Unwiſſenheit des Socrates; ich wußt' es ja und habe dieſen da es prophetiſch vorausgeſagt, daß du nicht gern antworten, ſondern lieber in verſtellte Unwiſſenheit dich einhüllen und zu allem Erdenklichen eher bereit ſein würdeſt, als auf eine vorgelegte Frage Antwort zu geben.— Kein Wunder, denn du biſt ja ein Alleswiſſer, o Thraſymachus, erwiderte ich; du kannſt daher auch wohl wiſſen, daß, wenn du z. B. jemanden fragteſt, wie viel zwölf iſt, und bei dieſer Frage vorher ihm anbefehlen würdeſt:„daß du mir nicht ſagſt, Kerl, es ſei zweimal ſechs, oder
*) Der leidenſchaftliche Maulheld wird in einer feinen Ironie hier wiederum als eine wüthende und reißende Beſtie hingeſtellt. Es war nämlich ein Aberglauben der Alten, daß der, welcher eher
von einem Wolfe erblickt würde, als der Wolf von ihm, auf eine gewiſſe Zeit⸗ ſprachlos merbe. Dies Unglück vermied man, wenn man den Wolf z uerſt anblickte. 2 B


