Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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ſondern ſeines Gegentheils. Stellt ſich ſo heraus. Und der Gerechte iſt ja doch ein Guter? Ja wohl. Mithin des Gerechten Handlungsweiſe iſt es nicht, o Polemarchus, entweder einem Freund oder ſonſt jemanden zu ſchaden, ſondern die ſeines Gegentheils, des Ungerechten. Du ſcheinſt mir hier durchaus lauter Wahr⸗ heiten zu behaupten, o Socrates, war ſeine Antwort. Wenn alſo jemand be⸗ hauptet, gerecht heiße, einem jeden das Schuldige zu geben, darunter aber dies verſteht, den Feinden ſei der gerechte Mann Schaden ſchuldig, den Freunden aber Nutzen: ſo war dies kein weiſer Mann, der dieſe Dinge behauptete; er ſagte ja nicht die Wahrheit. Denn es hat ſich uns ja klar herausgeſtellt, daß es auf keine Weiſe gerecht ſein könne, auf irgend eine Weiſe jemanden Schaden zuzufügen. Einver⸗ ſtanden, ſagte er. Ich und du werden nunmehr alſo gemeinſchaftlich es beſtreiten, wenn jemand behauptet, dies ſei ein Ausſpruch von Simonides, oder Bias oder Pittakus, oder von einem andren der ſogenannten weiſen und ſelig geſprochenen Männer. Ich wenigſtens, ſagte er, bin nunmehr bereit, mit dir vereint zu kämpfen. Aber weißt du, fuhr ich föort,(336) von wem mir jener Spruch herzurühren ſcheint, nämlich die Behauptung, daß gerecht heiße, den Freunden zu nützen und den Feinden zu ſchaden? Von wem? fragte er. Ich glaube von Periander, oder von Perdiccas, oder von Terres, oder von Ismenias aus Theben, oder von einem andern auf ſeine Macht ſehr eingebildeten und reichen Großherrn*). Ganz richtig, antwortete er. Ja das ſteht nun einmal feſt; aber da nun offenbar auch dieſe verbeſſerte Beſtimmung von der Gerechtigkeit und von der Idee des Gerechten ſic dice bewährt hat, was ſoll man nun als ihr Weſen behaupten? in n⸗

10. Da hatte nun Thraſymachus ſogar während unſerer Unterredung mehruzals angſeht, um uns in's Wort zu fallen und zu widerſprechen, wurde aber dann von den Nachbarn verhindert, weil ſie unſere Rede aushören wollten. Wie wir aber zu Ende waren und ich die zuletzt erwähnte Aeußerung gethan hatte: ſo konnte er ſich nicht mehr einhalten, ſondern ſetzte wie eine Beſtie an und kam auf uns los, als wollte er uns zerreißen. Und ich ſowie Polemarchus waren vor Angſt ganz ver⸗ ſchüchtert. Er aber fuhr ſchreiend alle insgeſammt an: Was für Poſſen treibt ihr

7*) Hier folgt endlich die eben ſo beißende als feine Abfertigung aller ſophiſtiſchen Schöngeiſter, welche zum Verderben der Wiſſenſchaft und der Sitten ihr flaches Gerede mit der Auctorität der zweideutigen und einſeitigen Dichterweisheit zu beſchönigen ſuchten. Periander iſt der bekannte Tyrann von Corinth, der von Andern auch zu den ſ. g. ſieben Weiſen Griechenlands gerechnet wird, welche Ehre ihm aber Plato, der Feind aller Tyrannen, durchaus nicht zugeſteht. Vergl. Protag. S. 343. Nicht ohne Grund wird übrigens hier dieſer ſonſt geprieſene Weiſe als Tyrann(nach Plato der laſterhafteſte aller Menſchen) perſifliert, um an einem Beiſpiele zu zeigen, wie leicht jemand in der alten Zeit zum Chrennamen eines Weiſen gelangen konnte. Perdiccas, der II. dieſes Namens, war König von Macedonien, von deſſen treuloſer Politik die Athener viele Proben erfuhren.

Der erwähnte Ismenias war aus Theben und ebenſo ngeſehen fals habſüchtig und treulos. Vergl. Xenoph. Griech. Geſch. III, 5, 1 und V, 2, 25. uf

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