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Feinden aber andererſeits zu nützen, weil ſie in ihren Augen gut ſind. Und ſo werden wir gerade das Gegentheil von dem ausſagen müſſen, was wir als die Meinung des Simonides behaupteten.— Freilich ja, ſagte er, kann dies der Fall ſein. Wir wollen alſo darin eine andere Beſtimmung von Freund und Feind unterſtellen; denn die vorige war wohl nicht ganz richtig.— Worin nicht richtig, o Polemarchus? — Darin, daß wir ſagten, wer gutartig ſcheine, der ſei auch ein Freund.— Nun denn, erwiderte ich, wie ſoll denn dieſe andere Beſtimmung heißen?— Daß der, ſagte er, welcher gutartig ſcheint und es auch wirklich iſt, ein Freund ſeiz daß der aber, welcher es ſcheint, ohne es wirklich zu ſein, auch nur Freund ſcheine(335), aber nicht ſei. Und vom Feinde andrerſeits gelte dieſelbe Beſtim⸗ mung.— Freund alſo wird vermuthlich nach dieſer Erklärung der Gute ſein, Feind aber der Böſe?— Ja.— Du willſt alſo, daß wir zu dem Begriffe gerecht eine Beſtimmung mehr hinzufügen, als in unſerer erſten Erklärung, in welcher wir es alſo definierten: Gerecht ſei, wenn man dem Freunde Gutes, dem Feinde Böſes thäte? Willſt alſo, daß wir es mit einem Zuſatze nunmehr alſo beſtimmen: Gerecht heiße, dem Freunde, welcherwirklich gut iſt, wohl zu thun, dem Feinde aber, welcher wirklich boſe iſt, zu ſchaden.— Ja, allerdings einmal würde mir dieſe Erklärung als die richtige ſcheinen, erwiderte er.
9. Darf nun dieſer verbeſſerten Begriffsbeſtimmung gemäß, fieng ich nun wieder an, der Gerechte irgend einem Menſchen, wer er auch immer ſei, Schaden zufügen? — Allerdings ja, ſagte er, muß er den Böſen und den Feinden doch ſchaden!— Wenn man aber Pferden ſchadet, werden ſie beſſer oder ſchlechter?— Schlechter. — Vielleicht in Bezug auf die Tüchtigkeit der Hunde, oder in Bezug auf die der Pferde?— In Bezug auf die der Pferde.— Nicht wahr, auch wenn man Hunden ſchadet, ſo werden ſie ſchlechter und zwar in Bezug auf die Tüchtigkeit der Hunde, aber nicht in Bezug auf die der Pferde?— Nothwendig.— Sollten wir aber von Menſchen, guter Freund, nicht daſſelbe behaupten, daß ſie nämlich, wenn man ihnen ſchadet, in Bezug auf die menſchliche Tüchtigkeit ſchlechter werden?— Ja das einmal gewiß.— Iſt nun die Gerechtigkeit keine menſchliche Tugend?— Auch das nothwendig.— Mithin auch müſſen Menſchen, mein Lieber, wenn man ihnen Schaden zufügt, nothwendig ungerechter werden?— Natürlich.— Können nun etwa die Muſiker andre durch die Muſik unmuſikaliſcher machen?— Unmöglich.— Ferner, machen durch die Reitkunſt die Reiter andre unberitten?— Das iſt nicht möglich.— Aber können nun denn durch die Gerechtigkeit Gerechte Ungerechte machen oder, ganz überhaupt, durch die Tugend die Guten Schlechte?— Nein, unmöglich.— Ja⸗ freilich, denn es iſt ja auch nicht die Eigenſchaft der Wärme, denk' ich, zu erkälten, ſondern die ihres Gegentheils.— Ja.— Noch die der Trockenheit anzufeuchten, ſondern ihres Gegentheils.— Ja wohl.— Alſo auch nicht die des Guten zu ſchaden,


