Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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wohl. Auch wer wohlgeſchickt iſt, ſich vor Anſteckung einer Krankheit zu wahren und ihr zu entwiſchen*), der iſt auch am geſchickteſten, ſie einem anzuthun? Das dünkt mich wenigſtens. Und wer ferner ein Heereslager(334) zu wahren ver⸗ ſteht, derſelbe iſt auch dafür gut, auf eine verſchmitzte Weiſe dem Feinde ſeine Plane und ſonſtige Handlungen abzuſtehlen? Ja wohl. Wofür alſo jemand die größte Geſchicklichkeit zum Wahren hat, dafür iſt er auch der geſchickteſte Stehler? So iſt's. Wenn demnach der Gerechte geſchickt iſt, Geld zu wahren, ſo iſt er auch geſchickt, es zu ſtehlen? Ja, wie wenigſtens dieſe Schlußweiſe zeigt. Als einen Schelm und Dieb alſo hat ſich nach dieſem Ergebniß der Gerechte heraus⸗ geſtellt? Vielleicht haſt du dies von Homer gelernt; denn auch jener erhebt des Odyſſeus mütterlichen Großvater Autolikus und ſagt von ihm, daß er vor allen Menſchen berühmt geweſen durch diebiſche Verſchmitztheit und Eidſchwörerei. Es ſcheint demnach die Gerechtigkeit nach dir, nach Homer und nach Simonides eine gewiſſe viebiſche Verſchmitztheit zu ſein, jedoch zum Nutzen der Freunde und zum Schaden der Feinde. Meinteſt du nicht ſo? Nein, bei Gott nicht! ſagte er; aber ich weiß ja nicht mehr recht, was ich ſagte. Nur das dünkt mich noch immer: Gerechtigkeit iſt, den Freunden zu nützen, den Feinden aber zu ſchaden. Aber die Freunde anlangend, ſind ſie nach deiner Meinung ſolche, welche einem jedes Mal gutartig ſcheinen, oder ſolche, die es ſind, wenn ſie es auch nicht ſcheinen? Und Feinde ebenſo? Natürlich doch iſt's, ſagte er, die für Freunde zu halten, welche man fuͤr gutartig, die aber zu haſſen, welche man für bösartig hält. Verſehen ſich aber nun nicht die Menſchen hierin, woher ihnen einerſeits manche gutartig ſcheinen, ohne es wirklich zu ſein, viele andrerſeits nmgekehrt? Ja das thun ſie. Bei dieſen alſo heißen die Guten Feinde, die Schlechten aber Freunde? Aller⸗ dings. Gleichwohl aber heißt es bei dieſen gerecht, wenn ſie den Schlechten nützen, den Guten aber ſchaden? So ſtellt es ſich heraus. Aber die Guten ſind ja doch gerecht, und ſolche die kein Unrecht begehen. Richtig. Nach deiner Rede iſt es alſo offenbar gerecht, Menſchen, wenn ſie auch kein Unrecht begehen, Uebel zu⸗ zufügen. Bei Leibe nicht, ſprach er, o Socrates! Unſer Räſonnement muß einen Fehler haben. Nun, erwiderte ich, ſo wirſt du alſo vielleicht die Gerechtig⸗ keit darin finden, daß man den Ungerechten ſchadet und den Gerechten nützt. Dieſe Behauptung erſcheint offenbar geziemender, als jene. Da muß aber bei vielen, o Polemarchus, ſo oft ſie ſich bei der Beurtheilung der Menſchen im Irrthum befinden, ſich wieder der traurige Fall ereignen, daß bei ihnen Gerechtigkeit heißt, einerſeits den Freunden zu ſchaden, weil ſie ja 4 ihnen für lalhe haft gelten; den 4*) Alſo überſetze ich die Vulgata ³* 1 der nach der Erklörung, welche darüber Böchh

in dem Lectionen⸗ Verzeichniſſe von 1829 1830 gegeben hat, und welche ich in meiner im Vorworte erwähntenAehrenleſe ꝛc. aufgenommen habe.