— 13—
etwas zurückgeben, wenn jemand bei zerrüttetem Verſtande es abfordert?— Richtig, antwortete er.— Alſo einen andren Sinn, als etwa den erwähnten, drückt demnach Simonides mit dem Satze aus:„Das Schuldige zurückzugeben, heißt gerecht?“ Freillich ja einen anderen, ſagte er. Ein Freund nämlich, meint er, ſei ſchuldig, dem andern etwas Gutes zu thun, nicht aber etwas Böſes.— Ich verſtehe ſchon, entgegnete ich; derjenige, welcher einem ein bei ihm niedergelegtes Goldſtück zurückgibt, ſei eigentlich zur Zurückgabe des Schuldigen nicht verpflichtet, wenn die Zurückgabe und der Empfang ſchädlich iſt, und der Empfänger und der Ab⸗ geber Freunde ſind. Sagſt du nicht, daß dies die Meinung des Simonides ſei?— Ja freilich.— Aber wie ſieht es andererſeits mit den Feinden aus? muß man ihnen auch geben, was man ihnen ſchuldig iſt?— Ja freilich, das doch, was man ihnen ſchuldig iſt; ſchuldig aber ja iſt, denke ich, ein Feind dem andern, wie ſich's auch ganz gebührt, nur etwas Böſes.
7. Wahrſcheinlich alſo ganz verblümt, verſetzte ih, hat ſich Simonides nach Art der Dichter über das Weſen der Gerechtigkeit ausgedrückt. Er meinte nämlich, wie ſich's hier herausſtellt, die Gerechtigkeit beſtehe darin, daß man einem jeden das Gebührende gebe; dies aber bezeichnete er mit dem Namen des Schuldigen.— Ja, was denn ſonſt?— Wenn ihn nun jemand, entgegnete ich, auf ſein Gewiſſen fragen würde: O Simonides, welche Kunſt heißt denn Heilkunde? welchen Menſchen gibt ſie ihr Schuldiges und Gebührendes, und worin beſteht dieſes? was würde er da deiner Meinung nach für eine Antwort geben?— Ohne Zweifel würde er antworten, ſagte er, welche gehörig den Körpern Arzneimittel ſowie Speiſe und Trank verordnet. — Ferner, welche heißt Kochkunſt? Wem hat dieſe ihr Schuldiges und Gebührendes zu geben, und was iſt dies?— Welche den Speiſen gehörig ihren Wohlgeſchmack gibt?— Gut! Welche Kunſt würde nun dem zufolge Gerechtigkeit heißen? Wem hat ſie zu geben, und was?— Muß man denn einmal, ſagte er, den vorigen Behauptungen folgerecht bleiben, ſo iſt es die, welche den Freunden Vor⸗ theilhaftes und den Feinden Schädliches gibt.— Alſo Freunden Gutes thun und Feinden Böſes, das nennt er Gerechtigkeit?— So dünkt mich.— Wer nun vermag am beſten Freunden Gutes und Feinden Böſes zu thun, in Bezug auf Krankheit und Geſundheit?— Ein Arzr.— Wer ferner denen, die zu Schiffe ſind, in Bezug auf die Gefahren zur See?— Der Steuermann.— Wie ſteht's aber mit dem Gerechten? in welchem Geſchäfte und in welcher Beziehung vermag er am meiſten Freunden zu nützen und Feinden zu ſchaden?— Daß er im Kriege gegen letztere kämpft und mit erſteren ſich verbündet, glaube ich.— Gut! Wenn man nun nicht krank iſt, ſo iſt doch gewiß, mein lieber Polemarchus, der Arzt ohne Nutzen? — Gewiß.— Auch wenn man nicht ſchifft, der Steuermann?— Allerdings.— Iſt demnach auch, wenn man keinen Krieg führt, der Gerechte unnütz?— Nein,


