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iſt eben dieſe Wahrhaftigkeit und dies Wiedergeben zuweilen eine gerechte, und zuwei⸗ len auch eine ungerechte Handlung? Ich denke z. B. ſo: wenn jemand von einem guten Freunde, der bei geſunder Vernunft war, Waffen erhalten hat: ſo kann er, wie wohl jeder ausſagen wird, wenn dieſer im Zuſtand des Wahnſinns ſie wieder zurückfordert, nicht verpflichtet ſein, dergleichen Dinge zurückzugeben, noch würde der gerecht handeln, der ſie zurückgäbe, ſowie auch der nicht, der ihm in ſolchem Zuſtande durchaus die Wahrheit ſagen wollte.— Richtig gedacht, ſagte er.— Alſo mit dieſer Begriffsbeſtimmung von Gerechtigkeit, nach welcher ſie im Sagen von Wahrheiten und in dem Zurückgeben deſſen, was man empfangen hat, beſteht, iſt es nichts.— Ja aller⸗ dings doch, o Socrates, ſagte, das Wort nehmend, Polemarchus, wenn anders man, wie doch ſich annehmen läßt, einem Simonides Glauben beimeſſen darf.— Nun ja doch, ſagte Cephalus, ſo will ich euch da dieſe Unterſuchung überlaſſen; denn ich muß für den Gottesdienſt ſorgen.— Nicht wahr, ſagte ich, der Polemarchus iſt doch der Erbe deiner Güter wie deiner Gedanken?— Freilich, ſagte er lucaldde und gieng zugleich nach dem Opfer.
6. Sag' an alſo, begann ich, du Erbe dder Unterſachung d, wie heißt denn die nach deiner Behauptung richtige Begriffsbeſtimmung des Simonides von der Gerechtigkeit?— Alſo, antwortete er: Einem jeden das Schuldige zu geben, heißt gerecht. Dieſe Erklärung ſcheint mir wenigſtens die richtige zu ſein.— Ja freilich, verſetzte ich, dem Simonides nicht zu glauben, das iſt nicht leicht; denn weiſe und göttlich iſt ja der Mann.*) Was er hiermit jedoch ſagen will, ſiehſt du vielleicht, o Polemarchus, ein, ich nicht. Offenbar nämlich will er doch nicht den eben erwähnten Satz ausſprechen, daß man nämlich irgend ein bei ſich niedergelegtes Gut, wenn es der Eigenthümer bei zerrüttetem Verſtande abfordert, zurückgeben müſſe, wiewohl(332) hier das, was niedergelegt wurde, eine Schuld iſt, nicht wahr?— Ja freilich iſt es eine!— Aber auf keine Weiſe darf man doch
*) Ueber die Bedeutung von weiſe bei den Griechen gibt Wach Smut h Hell. Alterth. II., 2, S. 458, folgende Erklärung:„Weiſe, 6098, hieß im gewöhnlichen und gebildeten Sprachgebrauch nicht der Forſcher und Grübler, welcher von dem bürgerlich⸗thätigen Lebensverkehr geſondert, etwa in einem Phrontiſterion der Speculation nachhieng, ſondern der practiſche Staatsmann, der Dichter, Künſtler und techniſche Handwerker.“— Uebrigens merke man hier beſonders auf die feine Ironie in den Worten:„Denn weife und göttlich iſt ja der Mann! Die alten Dichter und ſogen. Weiſen Griechenlands waren allerdings zu ihrer Zeit die einzigen und nützlichen Lehrer des Volkes und ſtanden als göttliche und weiſe Männer in großem Anſehen. Ihre Lehren waren aber nichts weniger als wiſſenſchaftlich und mitunter zweideutig und unbeholfen ausgedrückt. Daher die Sophiſten und die durch ſie Gebildeten ſo gern dieſes oder jenes Spruches von ihnen ſich als Auctorität be⸗ dienten, weil ſie ihn nach ihrem jedesmaligen Intereſſe zu deuten vermochten; dabei mißbrauchten ſie den alten Glauben von den Dichtern, indem ſie ihre heuchleriſche Wiſſenſchaft immer mit dem Satze bemäntelten: weiſe und göttlich ſind ja die Dichter! Der hier nun erwähnte lyriſche Dichter
Simonides aus Ceos(559— 469 v. Chr.) ſcheint aber ganz beſonders den Sophiſten zu dem gedachten Zwecke gedient zu haben. Vergl. Protag. S. 339 und Politie Buch II., Kap. 8.


