Aufsatz 
Das erste Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Kritik der bisherigen einseitigen und falschen Ansichten von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit / Verdeutscht von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Alter iſt ſie gelegen, ſondern in der Denk⸗ und Lebensart der Menſchen. Bei ver⸗ nünftigem und leutſeligem Character iſt nämlich das Alter gar nicht beſchwerlich; im entgegengeſetzten Falle aber iſt nicht nur das Alter, mein Socrates, ſondern cuch die Jugend bei ſo einem Menſchen mit Beſchwerden verbunden!

4. Und ich über dieſe ſeine Rede wunderbar erfreut, wünſchte, daß er weiter reden möchte und reizte ihn mit den Worten: o Cephalus, ich glaube, daß die meiſten, wenn du ihnen dieſes ſagſt, dir nicht ihren ungetheilten Beifall ſchenken, ſondern nicht ohne Grund der Meinung ſind, du deinerſeits ertrügeſt leichter das Alter nicht deiner Denk⸗ und Lebensart wegen, ſondern weil du ein großes Vermögen beſäßeſt; denn dem Reichen, werden ſie behaupten, ſtehen gar manche Linderungen zu Gebote. Du ſagſt die Wahrheit, ſagte er, ſie werden mir nicht ihren ungetheilten Beifall geben. Ganz ohne Gehalt iſt zwar auch ihr Einwurf nicht, indeſſen doch nicht von einem ſolchen, wie ſie meinen. Denn treffend iſt in dieſer Beziehung die Antwort des Themiſtocles an jenen Menſchen von Seriphus*). Als dieſer jenen nämlich ſchmähen wollte und ſagte, daß er nicht durch ſich ſelbſt(330), ſondern durch ſeine Vater⸗ ſtadt ſeinen Ruhm habe: ſo erwiderte er ihm, daß weder er, wenn er von Seriphus wäre, einen großen Namen erlangt hätte, noch jener, wenngleich von Geburt ein Athener. So paßt auch, mein ich, auf diejenigen, welche nicht reich ſind und das Alter ſchwer ertragen, ganz gut dieſelbe Antwort: der brave Mann würde nicht ganz leicht Altersbeſchwerden in Armuth ertragen, ſo wie der nicht brave bei allem Reichthum ſich nie darin gefallen würde. Aber, o Cephalus, ſagte ich darauf, haſt du wohl von deinem jetzigen Vermögen das Meiſte ererbt, oder dazu gewonnen? Nun, wie viel werde ich doch erworben haben! ſagte er, o Socrates! Als Haushalter ſtehe ich gewiſſer Maßen zwiſchen meinem Großvater und meinem Vater in der Mitte. Denn mein Großvater, deſſen Name ich auch trage, hatte faſt eben ſo viel Vermögen geerbt, als ich jetzt beſitze, und hatte es um vieles vergrößert; mein Vater Lyſtas**) aber hatte es noch kleiner gemacht, als es jetzt iſt, ich einmal bin zufrieden, wenn ich es nicht kleiner dieſen meinen Kindern da hinterlaſſe, ſondern wenigſtens um etwas Weniges größer, als ich es ererbt habe. Eben deshalb fragte ich ja, ſagte ich darauf, weil du mir nie gar zu ſehr an Reichthümern zu hängen ſchienſt. Dies iſt aber meiſt bei denen ſo der Fall, welche ſie nicht errungen haben; die aber, welche ſie ſich erworben haben, heften noch einmal ſo ſehr ihr Herz⸗ daran, als die übrigen. Denn gerade wie die Dichter an ihren Gedichten und die

*) Seriphus iſt eine von den cyeladiſchen Inſeln im igoiſchen Meere; ihre Bewohner waren beſonders berüchtigt wegen ihrer dummen Einbildung. *) So leſe ich mit van Prieſterer Prosopogr. Plat. S. 141 ſatt Lyſanias, weil erſtlich h. Name Lyſanias kein attiſcher, ſondern ein ſiciliſcher iſt; zweitens weil nach der den Griechen durchaus

eigenthümlichen Sitte der Redner Lyſias den Namen ſeines Herßbats gettagen haban 9 wie Cephalus ja auch den Namen ſeines Großvaters trägt.