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Piräeus herab; du ſollteſt aber doch! Denn wenn ich noch im Stande wäre, leicht nach der Stadt zu gehen: ſo ſollteſt du durchaus nicht hierherzukommen brauchen; ſondern wir würden zu dir kommen. Da dies nun einmal nicht ſein kann, ſo ſollteſt du häufiger hierher kommen; denn wiſſe nur: je mehr, bei mir wenigſtens, der Sinn für körperliche Vergnügungen erliſcht, um deſto mehr nimmt die Luſt und das Vergnügen an den geiſtigen Unterhaltungen zu. Unterlaß es alſo nicht, und gehe nicht nur mit dieſen jungen Leuten da um, ſondern komme auch recht oft zu uns: wir ſind ja deine Freunde und innigſten Bekannten.— Wahrhaftig, erwiderte ich, ich habe gar viel Ver⸗ gnügen an der geiſtigen Unterhaltung mit betagten Greiſen. Denn da ſie einen Weg gehen, den auch wir vielleicht werden zu gehen haben: ſo dünkt mir, man müſſe ſich bei bei ihnen erkundigen, wie er beſchaffen ſei, ob rauh und beſchwerlich, oder leicht und bequem. Und ſo möchte ich auch gern von dir hören, was du davon hältſt, da du doch ſo weit in den Jahren biſt, in welchen man, wie die Dichter ſagen, auf der Schwelle des Alters iſt: ob du nämlich dasſelbe eine Beſchwerde des Lebens nennſt, oder wie?(329)
3. Ja, dir will ich, ſagte er, meine perſönliche Anſicht darüber mittheilen, o Socrates. Denn oft kommen unſerer einige von faſt gleichem Alter zuſammen und halten ſo den alten Spruch in Ehren. Wenn wir nun ſo zuſammen ſind, ſo jammern die meiſten, erinnern ſich mit Sehnſucht an die Vergnügungen der Jugend, an die Freuden der Liebe, der Trinkgelage, der Gaſtmäler und an all das Andere, was damit zuſammenhängt; ſie ſind unzufrieden, weil ſie jetzt ſo viele Herrlichkeiten des Lebens entbehren müßten; ja, damals ſei ein herrlich Leben geweſen, jetzt aber ſei es gar kein Leben mehr. Einige beklagen ſich dazu noch über die ſchimpfliche Behandlung des Alters von Seiten der Angehörigen und verſchreien in dieſem Sinne das Alter, weil es an ſo vielem Unheil für ſie die Urſache ſei. Meines Bedünkens aber, o Socrates, geben dieſe die rechte Urſache nicht an. Wenn jenes nämlich Schuld wäre, ſo hätte ich in Beziehung auf das Alter dieſelben Leiden erfahren, ſowie alle insgeſammt, welche ſo weit in den Jahren vorgerückt ſind. Nun aber habe ich doch auch ſchon andere angetroffen, bei denen dies nicht der Fall war; unter andern war ich einmal dabei, als an den Dichter Sophocles die Frage geſtellt wurde: Wie geht's, o Sophocles, mit den Freuden der Liebe? Haſt du noch Sinn für ſie?„Still doch, Menſch, antwortete der; ſehr gerne ja hab' ich mich von ihr losgemacht, wie wenn ich mich von einem tollen und wilden Tyrannen losgemacht hätte.“— Schon damals ſchien mir dies treffend geſagt und jetzt noch treffender; denn vor dergleichen Dingen bekömmt man im Alter große Ruhe und Freiheit. Wann nänlich die Heftigkeit der Begierden ein Ende hat, und ſie in einen Zuſtand von Abſpannung gerathen; ſo bewährt ſich allerdings der Ausſpruch des Sophocles: man kann ſich ganz gewiß vielen tobenden Tyrannen entwinden. Aber die Klagen hierüber ſowohl als auch ganz beſonders die gegen die Angehörigen haben nur eine Urſache: nicht aber in dem


