Aufsatz 
Zur Erinnerung an den Denker Friedrich Heinrich Jacobi und seine Weltansicht, gelegentlich seines 120ten Geburtsjahres / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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in dem Trieb oder Inſtinct ſeiner vernuͤnftigen Natur zum An⸗ſich⸗Wahren und Guten ſein läßt. Bei Plato hat nur die durch logiſche Wiſſenſchaft des allmählig und methodiſch entwickelten Geiſtes, durch lebendige und ſelbſtbewußte Anſchauung des höchſten Gutes erworbene Tugend Werth, dagegen geringen oder keinen die in Folge bloßer Gewöhnung oder eines natürlichen Gefühles geübte.

§. 3.

Jacobi's Stimme verhallte nicht ganz ungehört. Friedrich Bouterwek(geb. 1766), Jac. Friedrich Fries, Cajetan v. Weiller(geb. 1762), Friedrich Köppen(geb. 1775) u. a. folgten ſeinen Winken in ihren wiſſenſchaftlichen Darſtellungen der Philoſophie und begründeten ſie ſyſtema⸗ tiſch. Aber ſeine Gedanken waren zu tief, trugen ſo ſehr das Gepräge und die Farbe einer Welt, von welcher die moderne Philoſophie ſo Viel hin und her geſprochen, welche ſie aber nicht geſchaut hatte, waren demnach eine zu ungangbare Münze, und nebſtdem in einer von dem Canzlei⸗Style der Katheder⸗Philoſophie ſo verſchiedenen, eben ſo einfachen wie Jedem verſtändigen, die hohe Weihe ihres Urhebers verrathenden Sprache ausgedrückt, und ſein Zeitalter war obendrein ſo ſehr dem hohlen Formalismus anheimgefallen, als daß er eine allgemein günſtige Aufnahme hätte finden ſollen. Im Gegentheil, da Gefahr war, daß durch ſeine Methode zu philoſophieren die zunftgerechte Philoſophie durch ihn ein Gemeingut für Jeden mit reinem Gefühl und geſundem Verſtand würde: ſo wurde der eben ſo tief fühlende wie fein gebildete Mann von den Fach⸗Philoſophen als ein philoſophiſcher Dilettant*), als ein unwiſſenſchaftlicher Gefühls⸗Philoſoph ꝛc. hingeſtellt und nament⸗ lich von Schelling in ſeinemDenkmal auf eine Weiſe angefahren, welche für die Weisheit desſelben kein rühmliches Denkmal iſt. Selbſt der Hiſtoriker Schloſſer ſtellt ihn in ſeiner Ge⸗ ſchichte des 18 en Jahrhunderts in das nicht günſtige Licht eines Anhängers der alten Ariſtokratie, im Gegenſatze des volksthümlichen Fichte und des Anfangs auch demokratiſchen Schelling, gerade wie der Hiſtoriker Niebuhr dem Plato die Eigenſchaft eines guten Bürgers abſprach, wogegen ihn F. Delbrück ſiegreich vertheidigt hat. Männer wie Jacobi müſſen nach dem Spruche Schiller's beurtheilt werden: Gemeine Naturen zahlen mit dem was ſie thun, edle mit dem was ſie ſind, oder nach dem Urtheile Goethe's über Plato, der, wie er ſagt, nicht auf die Welt kam, um Etwas zu werden, ſondern um Etwas zu ſein. Uebrigens haben ſelbſt Gegner, wie Krug, ein⸗ geräumt, daß Jacobiden Würdigſten und Verdienteſten unſeres Geſchlechtes beizuzählen iſt. Aber die in der Erinnerung an ihre großen Todten ſo thätige Zeit hat noch wenig an ihn gedacht. Ein über dem Syſtem⸗ und Schulgezänke erhabener Geiſt hat in der Regel keinerlei Partei für ſich, ſondern oft alle gegen ſich. Sein Publicum ſind nur pauci, aliqui tamen. Wem von dieſen dieſe unſere Erinnerung nicht genügt, den verweiſen wir vor Allem auf Jacobi's Schriften ſelbſt, nebſtdem auf J. Kuhn: Jacobi und die Philoſophie ſeiner Zeit, Mainz, 1834, beſonders von S. 121 an; ferner auf Herbſt's Bibliothek chriſtlicher Denker, Bd. 1, Leipz. 1830. Vergl. auch F. H. Jacobi, nach ſeinem Leben, Lehren und Wirken dargeſtellt von Schlichtegroll, Weiller und Thierſch, München 1819.

*) Schlegel ſagt von Jacobi: er war kein Philoſoph der Profeſſion, ſondern dem Character nach. Er war alſo ein ganzer Philoſoph im Sinne der Alten.In Feſtigkeit, Zuverläſſigkeit und Wahrhaftigkeit des Characters beſteht nach meiner Lehre die wahre Philoſophie, ſagt Plato, und Seneca Ppist. XX an ſeinen jungen Freund Lucilius: Rogo atque hortor, ut philosophiam in praecordia ima demittas et experimentum tui profectus capias, non oratione neo scripto, sed animi firmitate et cupiditatum diminutione. Verba rebus proba... Facere docet philosophia, non dicere, et hoc exigit ut ad legem suam quisque vivat... Quis hoo praestabit? Pauci, aliqui tamen.

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